Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Neueren Geschichte beschäftigen sich in Forschung und Lehre vor allem mit der Kultur- und Politikgeschichte im Deutschland und Europa des 19. und 20. Jahrhunderts. Auf diesen Seiten stellen sie sich und ihre individuellen, thematischen Schwerpunkte vor.
Familie und Verwandtschaft stehen im Zentrum dieses Forschungsschwerpunkts. Er gewinnt seine Relevanz durch die Verbindung neuerer Forschungen zum Stellenwert von Familie und Verwandtschaft in der Moderne mit historischen Zugängen zu sozialer Ungleichheit, erzwungener Migration und gruppenbezogener Resilienz. Im Mittelpunkt stehen der intergenerationelle Austausch von materiellen und immateriellen Ressourcen innerhalb familialer Netzwerke sowie die Frage, wie tiefgreifende politische und soziale Umbrüche diese Austauschprozesse, aber auch innerfamiliäre Geschlechterverhältnisse beeinflusst haben und wie sie Vorstellungen von Familie sowie Praktiken familiärer Zugehörigkeit festigten oder veränderten.
Der Forschungsschwerpunkt untersucht, inwieweit Familie und Verwandtschaft als Resilienzressourcen oder als Risikofaktoren fassbar werden, und fragt, wie sich Ungleichheiten innerhalb von Familien und verwandtschaftlichen Zusammenhängen historisch ausgebildet, transformiert oder aufgelöst haben – etwa durch geschlechtsspezifische Rollenverteilungen, unterschiedliche Formen der Vermögensübertragung oder die transnationale Ausweitung von Netzwerken. Ziel ist es, auf der Mikroebene familialer Beziehungen und über längere Zeiträume hinweg zu analysieren, wie sich grundlegende gesellschaftliche Transformationsprozesse im Alltag unterschiedlicher, sowohl aufstiegsorientierter als auch vom sozialen Abstieg bedrohter Gruppen verdichteten und welche Strategien Akteurinnen und Akteure in familiären Netzwerken entwickelten, um damit verbundene Herausforderungen zu bewältigen.
Team
Projektleitung: Prof. Dr. Simone Lässig
Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Koordinatorin: Hannah Boeddeker, M.A.
Assoziierte Wissenschaftler:innen: Dr. Maik Ullmann, Dr. Lisa Gerlach
Studentische Hilfskräfte: Luca-Leon Camlott, Jonathan Lüddeke
Sekretariat: Katrin Lakin
Förderung: Brüder Stiftung
Laufzeit: 2025-2030
Kontakt: hannah.boeddeker@tu-braunschweig-de
Aktuelle Lehrangebote (SoSe 2026) mit Bezug zum Forschungsfeld
Korrespondierende Forschungen an der Professur für Neuere und Neuste Geschichte
Prof. Dr. Simone Lässig
In diesem Teilprojekt entsteht eine Monografie zur Geschichte der deutsch-jüdischen Bankiersfamilie Arnhold, die seit dem frühen 20. Jahrhundert von Dresden ausgehend in die deutsche Wirtschaftselite aufstieg, aus dieser nach 1933 ausgeschlossen wurde und nach einer wechselvollen Emigrationszeit ab den 1940er Jahren in Brasilien und den USA neue Wurzeln schlug. Am Beispiel des Kontinente umspannenden Familienverbunds leuchtet das Buch anderthalb Jahrhunderte deutscher, europäischer und transnationaler Geschichte aus und setzt neue Akzente, indem es die zentralen Fragestellungen des Forschungsschwerpunkts über vier Generationen hinweg vor allem durch das Prisma von Frauen und Kindern im Familienverband analysiert und deren Bedeutung für die soziale Stellung der Arnholds und für die Stabilität des Bankgeschäfts Gebr. Arnhold (ab 1931 Gebr. Arnhold & S. Bleichröder) untersucht.
„Verwandtschaft“ erscheint hier als Unterstützungsnetzwerk auf Gegenseitigkeit, als moralische Verpflichtung und als wirtschaftliche Verbindung, die in Heiratsstrategien ebenso wie in Investitionsentscheidungen dezidiert regional verankert war und doch transnational wirksam wurde. Das Buch lotet die Handlungsspielräume der in Darstellungen zur internationalen Finanzelite meist ausgeblendeten weiblichen Figuren aus und analysiert Strategien und Praktiken, mit denen Arnholdsche Frauen auch unternehmerisch relevante Netzwerke stabilisierten, kulturelles und sozialem Kapital bildeten und eine familienspezifische „kulturelle DNA“ an die nächste Generation weitergaben. Damit haben sie die Resilienz jener emotionalen Gemeinschaften gestärkt, ohne die Familienunternehmen wie das der Arnholds – insbesondere in disruptiven Phasen wie der erzwungenen Emigration – nicht überlebensfähig gewesen wären: Im Zentrum der Familie stand die Bank und im Zentrum der Bank stand die Familie.
Hannah Boeddeker, M.A.
Dieses Projekt untersucht adlige Familien und Verwandtschaftsbeziehungen anhand des Gothaischen Hof-Kalenders, der im 19. und 20. Jahrhundert das maßgebliche genealogische Verzeichnis über und für den europäischen Adel war. Die jährlich erscheinende Publikation, zur Hälfte genealogisches Kompendium, zur Hälfte Staatshandbuch, gab seit 1764 in tabellarischen Einträgen Auskunft über aktuelle Ereignisse wie Geburten, Vermählungen, Scheidungen und Todesfälle der Familien und wirkte als Atlas des Adelsstandes. Alphabetisch sortiert, wurden alle Linien und Zweige der jüngeren und aktuellen Generationen eines Geschlechts aufgeführt.
In dieser „Menschenlandschaft“ (Karl Schlögel) des europäischen Adels war Familie das zentrale Ordnungsmuster. Eine Analyse des Gotha bietet Gelegenheit, die Chancen und Risiken, die in dieser medialen Konstitution und Inszenierung von Familie und Verwandtschaft lagen, zu untersuchen. Insbesondere fokussiert das Projekt die sozialen Praktiken, die dieser Inszenierung vorausgingen, sowie die Rückwirkungen, die sie nach sich zogen. Anhand der seriellen Publikation des Gotha können weiterhin Veränderungen in der Struktur, Funktion und kulturellen Rolle von adligen Familien über einen langen Zeitraum nachgezeichnet werden und zugleich die Entwicklung und Vielfalt von genealogischem und familialem Wissen aufgezeigt werden. Die Analyse des Gotha ist ein wertvolles Mittel, um die reziproke Beziehung zwischen medialer Repräsentation, sozialen Praktiken und familialem Wissen adliger Familiensysteme zu untersuchen, mithin auszuleuchten, wie sie auf diesen Wegen den Herausforderungen der Moderne begegneten.