Pillen (Juni)

Pilulae Hierae simplicis Galeni
Pilulae Hierae simplicis Galeni, rekonstruiert

"Heilige Pillen" -  zur Geschichte einer historischen Arzneiform

Wie an anderer Stelle erwähnt, wurde in den Räumen der Arzneimittelhistorischen Sammlung Braunschweig im April 2026 Rosenhonig hergestellt. Den Rosenhonig verwendeten wir dann für die Herstellung einer Arzneiform, die es heute so nicht mehr gibt und der dieses "Objekt" gewidment ist. Auch wenn ihr Name heute noch in aller Munde ist: "pilulae" (mit einem "l") sind keine "Pillen". Dazu später. Die hier abgebildeten Pillen haben wir nach dem Dispensatorium (Arzneibuch) des Valerius Cordus von 1599 hergestellt. Sie heißen dort "Pilulae Hierae simplicis, Galeni".

*Unser Kurz-Seminar "Lab Meets History" fand in Zusammenarbeit mit Doktoran:innen der Pharmaziegeschichte und unter Anleitung von Dr. Danuta Raj, Medizinische Universität Wroclaw, statt.

Was gehört wozu?

"Hiera" ist vom Griechischen hieró (heilig) abgeleitet. Wer in der Schule Latein gehabt hat, ist sicher über die obige Erklärung gestolpert. Sind wirklich heilige Pillen - "pilulae hierae" - gemeint? Das Adjektiv "simplicis" steht ja dahinter, es muss sich auf Hierae beziehen. Also sind es doch Pillen von einer einfachen "Hiera" (hiera simplex).  Die Namenskomponenten lassen erstmal rätseln.  Auf der Suche nach der Bedeutung von Hiera findet man zwei Erklärungen in der pharmaziegeschichtlichen Literatur, nämlich entweder, dass das Wort hieró (heilig) auf berühmte Namensgeber, wie z.B. Galen oder Mesue, verweist, also dass eine "Hiera" eine nach einem berühmten Mediziner benannte Arznei ist. Oder aber, dass eine Hiera in Mittelalter und früher Neuzeit eine halbfeste, zucker- oder honighaltige Arznei (lat. "Electuarium") war.  
Typisches Vorratsgefäß für die Hiera war der Albarello (s. Abbildung). Man füllte die Substanz bei der Abgabe in kleine rundliche Gefäße, von wo die Patien*innen sie dann aufschleckten. Wenn wir also Pillen "von der einfachen Hiera" vor uns haben haben, dann sind diese aus einem nach Galen benannten einfachen Electuarium (Hiera) hergestellt worden. Denn nicht alle Electuarien hießen Hiera, sondern nur die besonders berühmten, die den Namen anerkannter Autoritäten trugen.
In der Tat finden sich Rezepte für eine "Hiera" von Galen in Pharmakopöen.  Die spezielle "Hiera" nach Galen, aus der unsere Pillen hergestellt wurden, war die Hiera picra. Dass sie in der Frühen Neuzeit hergestellt wurden, zeigen Abbildungen von historischen Arzneigefäßen. Das abgebildete Gefäß trägt eine entsprechende Aufschrift. Die Form des Gefäßes (ein Albarello) zeigt, dass es sich um ein Electuarium handelt. Das Adjektiv "picra" stammt ebenfalls aus dem Griechischen und heißt "bitter". 

Albarello mit "Hiera picra", einem bitteren Electuarium
Rezept für Hiera Picra 1643

Ein Electuarium namens Hiera picra, das vergleichbare Zutaten wie die von uns hergestellte Pille hatte, findet sich z.B. in der Amsterdamer Pharmacopoe von 1643.  Es enthält:

  • Aloe socotrina
  • Zimt
  • Aloe-Holz
  • Haselwurz (Asarum)
  • Spikanard (eine indische, dem Lavendel ähnliche Droge)
  • Safran
  • Mastix  und entschäumten Honig.

Die in Apotheken verwendete Aloe wird zu den Harzen gezählt. Im "Objekt des Monats" zu Styrax wurden schon einige Eigenschaften von Harzen vorgestellt. Wenn der Blattsaft von Aloe (z.B. Aloe vera) schonend eingedampft wird, erhält er eine harzartige Konsistenz. Man kann verschiedene Sorten unterscheiden, hier wird Aloe socotrina (eine gelblich-klare Sorte) vorgeschlagen, die aber durch andere Aloe-Sorten (z.B. die häufige Leber-Aloe) ersetzt werden kann. Die Menge an verwendeter Aloe ist in diesem Rezept erheblich, weshalb hier die stark abführende Eigenschaft der Aloe zur Geltung kommt.

Rezept für "Hiera-Pillen", 1599
Rezept für "Hiera-Pillen", 1599

Auch Valerius Cordus hat ein Rezept für Hiera picra, und er gibt fast identische Zutaten an. Er betont außerdem die vielen überlieferten Varianten des Rezepts. Weiterhin erwähnt er zwei wichtige Prinzipien. Erstens:  Im Gegensatz zu anderen Abführmitteln müssten hier die Zutaten besonders fein verrieben werden. Und zweitens: Der Honig darf nicht zu stark eritzt werden, da er sonst mit dem Aloe-Harz zusammen eine feste Masse und nicht die erwünschte halbreste Konsistenz ergibt.

In die Pillenmasse für die "Pilulae Hierae simplicis Galeni" soll laut Valerius Cordus eingearbeitet werden:

  • Aloe
  • Zimt
  • Aloe-Holz (hier genannt Xylobalsamum)
  • Asarum
  • Spikanard
  • Saffran
  • Chia-Mastix
  • und Rosenhonig, um die Pillenmasse herzustellen.

Wie man sieht, unterschieden sich die Zutaten nur geringfügig, was zeigt, dass die Pillen tatsächlich aus der Hiera abgeleitet sind, sie sind eine andere Darreichungsform eines identischen Medikaments. Manche der Drogennamen sind aus heutiger Sicht nicht eindeutig. In beiden Fällen sollten jedenfalls zum einen Harze und zum anderen Dufthölzer dabeisein. Wie in der Hiera überwiegt auch bei den Pillen die Aloe die anderen Zutaten.

Pillenmasse im Mörser

Transport des Rezepts aus dem 16. ins 21. Jahrhundert

An beide Prinzipien haben wir uns gehalten, was hieß, dass wir uns bei der Arbeit mit dem Mörser abwechseln mussten, denn trotz der kleinen Menge, die wir hergestellt haben, dauerte es doch unerwartet lange, bis die Zutaten fein zerkleinert und eng miteinander vermischt waren. Wir haben im Wesentlichen die bei Cordus angegebenen Zutaten genommen - nur das extrem teure und schwer zu beschaffende Aloe-Holz haben wir ausgelassen. Für die Herstellung der Pillenmasse wurde der im ersten Schritt hergestellte Rosenhonig verwendet.
Die Pillenmasse musste etwas ruhen, damit sich die Zutaten gut miteinander vereinigten. Da unser Ziel kein nach aktuellen pharmazeutischen Regeln (z.B. Keimfreiheit) hergestelltes Produkt war, haben wir die Masse mit den Händen weitergeknetet und kleine Portionen zu ca. 0,2 cm dicken Rollen verarbeitet. Die Weiterverarbeitung erfolgte mit einem Pillenbrett.

Pillenbrett
Pillenstrang abteilen
Erste Resultate

Woher kam die Arzneiform pilula?

Mit dem lateinischen Wort pilulae aus der pharmazeutischen Fachsprache ist nicht etwa jede Art von festen, meist runden, meist im Ganzen zu verschluckenden Arzneimitteln gemeint, die wir heute alltagssprachlich zusammenfassend als "Pillen" bezeichnen, also etwa Tabletten, Dragees oder Kapseln. Die Arzneiform pilula ist in der Pharmazie heute obsolet - oder vielmehr: sie ist in den heute üblichen, industriell hergestellten Formen aufgegangen. Pilulae (abgeleitet aus dem lateinischen Wort "pila" = Säule und der Verkleinerung -ulus,- a, -um) sind neben den Trochisci (siehe das Objekt zu den Vipernrädchen) zwei sehr alte Arten einer festen, abgeteilten Arzneiform. Bis ins 20. Jahrhundert kannten die Arzneibücher weiterhin die "pilula", auch wenn Tabletten, Dragees und Kapseln das Feld beherrschten. Dem Pharmazeutischen Manual von Dieterich (1924) zufolge waren Pilulae "Kügelchen von 0,10 bis 0,15 g Gewicht" - wobei der Standard 0.10 g war.

Historisch lassen sich Pillen weit zurückverfolgen: Sowohl die mesopotanische als auch die ägyptische Medizin kannten sie. In der griechischen und römischen Antike ebenso wie in der chinesischen Pharmazie und dem Ayurveda werden sie erwähnt. Ihre Bedeutung nimmt dann sowohl in der arabischen als auch der mittelalterlichen lateinischen Medizin und Pharmazie zu.

Wie wir selbst erfahren konnten, ist die Herstellung von Pillen technisch anspruchsvoll. Da Pillen oft stark wirksame Ingredienzien enthielten, musste die tägliche Dosierung stimmen, die Größe also schon deshalb gleichmäßig sein. Mit der Einführung einheitlicher Maße und Gewichte in Apotheken in der Frühen Neuzeit konnte auch eine Standardisierung einsetzen. Wie auch bei den Trochisci  verhinderte eine geeignete Trägermasse der Pillen weitgehend, dass der Inhaltsstoff durch die Umgebung beeinflusst wurde.

Ein kleines Video von Wahlpflichtfach-Studierenden zeigt, wie man noch im 20. Jahrhundert Pillen auf die herkömmliche Weise herstellen konnte.

Schlecken oder schlucken?

Es wurde oben gesagt, dass Electuarien meist zucker- oder honighaltig sind. Wäre es da nicht angenehmer, eine Hiera zu schlecken als eine Pille zu schlucken?

Im Fall unserer Arznei ist es eindeutig besser, zur Pille zu greifen, denn diese ist in der Tat eine bittere Pille. Sie enthält eine große Menge Aloe. Diese hat aufgrund der enthaltenen Anthrachinone einen extrem bitteren Geschmack. Damit wird auch der Vorteil einer Pille in diesem Fall deutlich.

Aus der Sicht der Humoralpathologie, einer Lehre, in der es darum ging, das Gleichgewicht der Körpersäfte zu erhalten oder wiederherstellen, könnte es verschiedene Gründe geben, Pillen zu verordnen: Unmittelbar vor dem Essen genommen, konnten sie Stoffe im Magen beseitigen; falls eine zu große Feuchtigkeit im Gehrn befürchtet wurde, sollten sie nach dem Essen eingenommen werden. Wenn es aber galt, den Körper von schädlichen Säften zu reinigen, dann waren sie auf nüchternen Magen zu nehmen.

Um den unangenehmen, manchmal widrigen Geschmack von arzneilichen Substanzen zu überdecken, wurden Pillen häufig dragiert. Es hing auch vom sozialen Status der Patien*innen ab, ob sie gar vergoldet wurden. Ein einfacher Zuckerüberzug mit nachfolgender Trocknung war meist schon genug.

The Holy Pill for a holy sh*t?

Natürlich kam es dabei auch auf die Inhaltsstoffe an. Unsere Pillen haben wegen der Dominanz von Aloe eine stark abführende Wirkung, sie waren also vor allem für die letztere Indikation - Säftereinigung, was in der Praxis meist "Abführen" hieß -  verantwortlich. Allerdings verweisen die weiteren Zutaten mit ihren unterschiedlichen sensorischen Eigenschaften darauf, dass es auch auf einen Ausgleich des Säftegleichgewichts ging und nicht nur darum, etwas auszuleiten. Die Vielfalt der Zutaten mit ihren unterschiedlichen sensorischen und auch physiologischen Eigenschaften ist eines der Grundprinzipien der Lehre Galens, die von der Pharmazie und Medizin der Frühen Neuzeit nicht nur übernommen, sondern auch noch ausgebaut wurde. Der Duft von Lavendel, die Süße des Zimts und der den Magen beruhigende Geschmack des Safrans zeugen davon.

angeschnittenes Aloe-Blatt
Aloe succotrina
Aloe socotrina
Aloe hepatica
Harze (Aloe links vorn)

Welche Aloe?

Der gelbe Blattsaft von Aloe-Arten enthält Anthrachinone, die als wirkungsvolle Abführmittel bekannt sind. Wird dieser Saft schonend getrocknet, entsteht ein festes Harz, das in älteren Rezepturen – etwa dem von Cordus – als Ausgangsstoff dient. Im Lauf der Jahrhunderte wurden Aloe-Sorten aber nicht einheitlich nach botanischer Herkunft, sondern oft nach Aussehen oder Qualität des Harzes benannt, sodass zahlreiche Synonyme entstanden und eine eindeutige Zuordnung zu den botanischen Namen bis heute erschwert ist. Aloe gehört zur Familie der Liliaceae und umfasst weltweit über 600 Arten, von denen vor allem solche aus dem südlichen Afrika, der arabischen Welt und dem Mittelmeerraum medizinische Bedeutung erlangt haben. In der Amsterdamer Pharmakopoe von 1643 ist speziell „Aloe socotrina“ gefordert. Wahrscheinlich ist damit das von der Insel Sokotra gehandelte Harz gemeint, denn bereits die Griechen bezogen die Droge von hier. Sokotra liegt südlich der arabischen Halbinsel, von der möglicherweise diese Aloe-Varietät stammt.  Neuere Arzneibücher differenzieren zwischen Aloe barbadensis (häufig mit Aloe vera gleichgesetzt) und Aloe capensis (dem Harz von Aloe ferox).

Leo-Pillen (aloehaltig)

Neben dem anthrachinonhaltigen Harz gewinnt man aus dem Inneren der Blätter ein durchsichtiges Gel, das vor allem als hautheilendes Mittel geschätzt wird. Damit dieses Gel reizfrei bleibt, muss der gelbliche Saft vollständig ablaufen, denn andernfalls würden die darin enthaltenen Anthrachinone mitaufgetragen und könnten zu Hautirritationen führen. Der alte Ausdruck „Aloe hepatica“ bezieht sich übrigens nicht auf eine eigene Art, sondern auf die leberartige Konsistenz des eingetrockneten Saftes.

Namen leben länger

Als im 20. Jahrhundert  mit "Pillen" schon längst Dragees, Tabletten oder Kapseln gemeint sein konnten, wurden immer noch Aloe-haltige 'Abführpillen' gehandelt, z.B. diese "Leo-Pillen", die noch bis in die 1980er Jahre erhältlich waren und bei denen es sich um Dragees handelte. Die neben der "Aloe capensis" enthaltenen Zutaten lassen darauf schließen, dass die Packung aus den 1950er Jahren stammt.

Pillen, rekonstruiert
Pililae Hierae simplicis Galeni, rekonstruiert

Wohin es mit uns gekommen ist.

Die Rekonstruktion oder besser gesagt, das Re-Working eines alten Rezepts hat der kleinen Gruppe nicht nur viel Spaß gemacht, sondern auch neue Einsichten gebracht. Das bloße Analysieren und Beschreiben historischer Quellen ist eine probate Methode historischer Forschung, ebenso die Sammlung und genaue Analyse überlieferter Objekte. Mit dem Eintauchen in eine in die Gegenwart transferierte historische Praxis wird darüber hinaus auch implizites, nicht verschriftliches Wissen sichtbar, und es tauchen neue Fragen auf. Sehr oft während des Aufenthalts von Danuta Raj liefen wir aus dem Küchen-Labor in die Bibliothek und von dort zurück. Durch dieses Hin und Her haben wir Manches verstanden, aber es sind auch wieder neue Fragen aufgetaucht. Um ehrlich zu sein: In der Wissenschaft suchen wir doch genauso leidenschaftlich nach offenen Fragen wie nach den Antworten. Vielleicht faszinieren uns die Fragen sogar noch ein wenig mehr. Jedenfalls kann ich das von mir als Historikerin wohl sagen. Ob man nun diese Einstellung teilt oder nicht: Den Spaß an dieser Form der Forschung konnten wir dank Danuta Raj jedenfalls teilen.

Bettina Wahrig