Fasern aus dem Berg: Federalaun (Asbest)
Die beiden hier gezeigten Glasbehälter aus der Arzneimittelhistorischen Sammlung Braunschweig sind eher unscheinbar. Sie enthalten grauweiße Fasern, das größere Schauglas ist durch die feinen Fasern von innen her getrübt. Die Gefäße und ihr Inhalt fallen nicht auf den ersten Blick auf.
Der griechische Arzt Dioskurides kennt den Stein "amianthos". Er nennt Fundstätten in Zypern und erwähnt seine faserige Beschaffenheit, auch, dass aus ihm Gewebe fabriziert wurden, die im Feuer zwar brannten, aber dann nur glänzender aus diesem hervorgangen waren.
Heutigen Betrachtenden drängt sich die Frage auf, welche Krankheiten man jemals mit diesen Substanzen hätte heilen wollen. Im 17. Jahrhundert erwähnt Johann Schröder, die Substanz widerstehe den Vergiftungsversuchen von Zauberern (also nicht allen Giften?). Äußerlich angewandt, vermischt mit Zucker und Branntwein, kuriere es die Krätze. Dass eine tägliche Einnahme kleiner Mengen gegen "Weißfluss" bei Frauen helfe, versieht er aber mit einem vorsichtigen "Man sagt..." (Clavis pharmaceutica, S. 172)
Der Naturforscher und Apotheker Pierre Pomet kennt 1717 die hautirritierende Wirkung: "Es ist diese Alaune ein mächtiges corrosif, denn man mag es auf den Leib legen, wohin man will, so macht es Blasen, und erregt ein unerträgliches Jucken, [...]." Es gebe viele verschiedene, unterschiedlich aussehende Asbestarten, und deren Herkunft müsse noch im Einzelnen geklärt werden.
Viel interessanter als die arzneiliche Anwendung war das Mineral für die Naturkundigen. Von der Antike bis ins 19. Jahrhundert hinein wurden die Gegenstände der Naturforschung drei großen Reichen (Mineralia, Vegetabilia, Animalia; d.h. Steine, Pflanzen, Tiere) zugeordnet. Dieses Mineral aber zerfiel beim Reinigen nicht nur in pflanzlich scheinende Fasern, es ließ sich zum Teil auch wie solche Fasern verwenden.
Unter dem Sammelnamen "Asbest" werden verschiedene Silikatminerale zusammengefasst, es sind also Verbindungen von Silicium mit anderen Elementen, z.B. sind Siliciumdioxid-Oktaeder die Grundlage von Chrysotil (einer Asbest-Art, die auch als Weißasbest bekannt ist und vielfach verwendet wurde). In die Wassereinschlüsse zwischen den Kristallen sind dann verschiedene Metalle eingelagert, bei Chrysotil z.B. Magnesium. Die Fasern bilden sich aufgrund der Kristallstruktur mit den Wasser- und Metalleinlagerungen und sind je nach Asbest-Art verschieden lang und dick.
Von Lumpenschmugglern und aufgeklärten Bastlern
Bereits im 17. Jahrhundert wurde im Herzogtum Braunschweig-Wolfenbüttel eine Materie knapp, die wir heute eher unter dem Titel "Wohin damit?" oder "Schädlicher Überfluss" diskutieren: alte Kleidung. So knapp war die Ware, dass Lumpenhändlern, die ihre Ware über die Landesgrenzen des Herzogtums hinaus bewegten, um sie außerhalb zu verkaufen, empfindliche Strafen drohten. Der Grund: Die Nachfrage nach Papier stieg, und für dessen Produktion waren Lumpen die wichtige Grundlage. Man zerriss sie, ließ sie faulen und zerkleinerte sie dann, bis sie zu einem Brei gemahlen waren. Dafür hatten wir hier im Herzogtum auch eine ganze Menge Papiermühlen.
Das im 18. Jahrhundert allgemein beliebte Thema der "Ersatzstoffe" kam auf, und es wurde bald mit ihnen experimentiert. Eines der umfassendsten und auch kuriosesten Zeugnisse dafür ist das Werk des Pfarrers und Erfinders Jacob Christian Schäffer (1718-1790), der mit seinen Experimenten dem Allgemeinwohl auf- und dem durch Lumpenverlust drohenden Devisenmangel abhelfen wollte. Mit Hilfe einer "Hand-Papiermühle" verarbeitete er z.B. Pappelwolle, Färberdiesteln, Tannenzapfen, Stroh, Torff usw. und demonstrierte den Lesenden durch eingebundene, zum Teil kolorierte Muster die verschiedenen optischen und haptischen Qualitäten seiner Produkte. Insgesamt konnte er 81 Muster alternativer Papierarten vorstellen. Obwohl die meisten "Rohstoffe" pflanzlicher Natur waren, wagte er sich auch an das Reich der Steine heran: Aus Dachschindeln und aus Asbest hatte er Proben hergestellt. Holzspäne - der Ersatz für Textilien, der im 19. Jahrhundert aufkam - spielten eine geringe Rolle, weil man sie damals noch nicht ausreichend chemisch aufschließen konnte, um ihnen die Zellulose zu entreißen, die ja aus den "gefaulten" Lumpen gewonnen wurde.
Schreiben auf Asbest-Papier
Schäffer war allerdings nicht der erste, der auf das Thema kam. Die Idee, Asbest zu Papier zu verarbeiten und für den Buchdruck zu verwenden, hatte bereits Franz Ernst Brückmann (1697-1753), ein gelehrter Naturforscher aus unserem Herzogtum, den eine Familienangelegenheit nach Ungarn führte, wo er Bekanntschaft mit dem wunderlichen Mineral machte. Brückmann, der sich bereits zuvor durch mineralogische Studien hervorgetan hatte, reiste nach Dobsina (heute Slowakei) und machte dort Bekanntschaft mit einer Mine, aus der Asbest abgebaut wurde. Zu seinem Erstaunen erfuhr er, dass aus dem Asbest auch Papier hergestellt worden war. Die zugehörige Papiermühle war aber wohl unwirtschaftlich, denn sie hatte zum Zeitpunkt seines Besuchs ihren Betrieb wieder eingestellt. Trotzdem erhielt Brückmann zum Geschenk Papier in einer Menge, aus der man drei Bücher herstellen konnte. Dass Brückmann das Buch auf Latein verfasste, unterstreicht zusätzlich zu dessen aufwändiger Gestaltung und zum ausgefallenen Gegenstand die Persönlichkeit Brückmanns als Gelehrter.
Den Herzog, dem Brückmann das Buch widmete und auch in zwei Exeplaren schenkte, interessierten Informationen über das Bergwerkswesen grundsätzlich, denn Minen waren geschätzte staatliche Einkommensquellen. Zudem schien hier die Möglichkeit am Horizont auf, alternative Grundlagen für Papiere zu finden. Bei genauem Hinsehen zeigt sich aber, dass die Verwendung nicht ganz unproblematisch war: Das Papier musste offensichtlich sehr stark geleimt werden, um zusammenzuhalten, und die Spuren des Schöpfsiebs sind trotz der dicken Leimschicht auch auf dem Foto noch deutlich zu sehen.
Vom Wunder zum Gewerbe
Brückmann konnte zwanglos an die Erzählungen über die kuriosen Eigenschaften des Minerals anknüpfen. Schon Plinius hatte über ewig brennende Dochte und Asbesttücher berichtet, mit denen man die Leichen von Königen einhüllte. Über unbrennbare Tischdecken und ewige Lichter wurde etwas später berichtet. Die Gegenwart des kuriosen Materials und die Möglichkeit, Papier aus ihm zu machen, verschaffte ihm einen Platz in vielen fürstlichen Kabinetten, wie in Krünitz' Enzyklopädie zu lesen ist.
Das "Take-off" des Materials begann aber erst im 19. Jahrhundert, als mit der Entwicklung neuartiger Werkstoffe zwei Eigenschaften des Asbests besonders interessant wurden: zum einen seine Feuerbeständigkeit und zum anderen die Möglichkeit, ihn in die verschiedensten Materialien einzuarbeiten. Nicht nur wurde jetzt Feuerschutzkleidung entwickelt, es kamen auch schwer brennbare Baumaterialien auf. Zwar konnte sich Asbest als Druck- oder Schreibgrundlage nicht durchsetzen, aber die Techniken, mit denen Papier und besonders Pappen hergestellt wurden, ließen sich auf Asbest anwenden. Asbest verstärkte Beton, lieferte Baumaterial, wurde in alle Sorten von Kunststoffen integriert.
Fasern und Stäube für alle Gelegenheiten
1974 stellt die "Enzyklopädie der technischen Chemie fest: "Es gibt wohl kaum einen Thermoplast oder Duroplast, kaum einen Elastomer, das nicht mit Asbesten kombiniert und als Verbundwerkstoffe verarbeitet worden wäre." Es diente der Vemehrung von Festigkeit und Wärmebeständigkeit, in vielen Fällen wurde es auch als Füllstoff oder lose in "Matratzen" verpackt als Isoliermaterial. Als Trennstoff war er in Fugen von elektrischen Maschinen oder Geräten überall. Verarbeitet wurde er auch für Dachbeläge. Verbunden mit Zement wurde er zu Eternit.
Obwohl 1974 einzelne Fachleute noch von "Horrorpropaganda" der Laienpresse sprachen (so die hier zitierte Enzyklopädie), war zu diesem Zeitpunkt schon bekannt, dass der Umgang mit Asbest nicht nur die Berufskrankheit Silikose auslösen, sondern auch Krebs verursachen konnte. In der Tat war Asbestose schon 1900 als Berufskrankheit anerkannt worden. 1943 wurde Lungenkrebs bei Asbestarbeitenden als Berufskrankheit anerkannt, und in den 1970er Jahren wurden weitere Krebsarten der Asbest-Belastung zugeordnet, vor allem die sog. Mesotheliome. 1993 wurde in Deutschland die Herstellung und Verwendung von Asbest generell verboten. 2008 arbeiteten weltweit aber immer noch ca. 125 Millionen Menschen mit Asbest, u.a. da sich die Haupt-Herstellerländer gegen ein weltweites Verbot wehrten.
Bettina Wahrig