Galläpfel (April)

Glas mit Galläpfeln
Galläpfel Inv. Nr. 2062

Weder Galle noch Apfel

Diese bräunlichen, rundlichen kleinen Kugeln sehen frisch fast aus wie Äpfel, hängen aber nicht an Ästen sondern an Blättern. Und der Baum, der sie produziert, ist auch kein Apfelbaum, sondern typischerweise eine Eiche. Die Blätter reagieren auf die Eiablage von bestimmten Wespen. Wenn sich aus den befruchteten Eiern dann Larven bilden, ernähren sich diese von dem Gewebe, das der Baum als Abwehrreaktion auf das Eindringen der Insekten erste bildet. Solche Knollen kommen an verschiedenen Bäumen und als Reaktion auf verschiedene Insekten vor, die abgebildeten Gallen sind aber das Ko-Produkt  der Gall-Wespe Cynips gallae und der Eiche. Die Wespe löst eine Wucherung der Pflanze aus, indem sie einen noch nicht genau erforschten Botenstoff mit dem Ei in den Ablageort injiziert, typischerweise in die Blattknospen im Frühjahr bzw. das fertige Blatt im Sommer.

Verschiedene Gallen bei Pomet (1717)

Gallen kommen auf verschiedene Weise zustande

Die von der Wespe im Frühjahr abgelegten Eier sind unbefruchtet, so dass alle ausgereiften Wespen weiblich sind. Im Sommer kommen dann befruchtete Eier zur Ablage, so dass sich aus diesen "Sommer-Larven" sowohl männliche als auch weibliche Wespen entwickeln. Die Wespen können also beides: Zweigeschlechtliche und eingeschlechtliche Vermehrung. Die letztere Reproduktionsart heißt auch Parthenogenese - darüber können Sie hier einen Buchblog lesen.

Dass die Gallenbildung etwas mit Insekten (oder "Würmchen") zu tun hatte, war schon länger bekannt, vor allem wunderten sich die Naturforscher, dass sie auch an anderen Stellen als nur an den Blättern vorkamen, wie etwa im Buch des Pharmazeuten und Materialkundigen Pierre Pomet abgebildet. 

Chinesische Gallen Inv. Nr. 2061

Verschiedene Herkunft, verschiedene Formen

Francesco Redi berichtete 1668 über das regelmäßige Vorkommen von Insektenlarven und -eiern, dachte aber, die Pflanzen seien an der Erzeugung der Insekten beteiligt. Marcello Malpighi widersprach 1675. Er erklärte die erwachsenen Wespen für die Eltern der neuen Wesen; der Baum lieferte die Nahrung. Redi und Malpighi hatten schon die Vielfalt der Pflanzen-/Insekten-Kombinationen beobachtet. In Europa und auch im Nahen Osten gibt es Gallen verschiedener Eichenarten, die von verschiedenen Wespenarten genutzt werden. 
Aber auch in Ostasien kommen Gallen vor und werden traditionell genutzt. Die hier abgebildeten chinesischen Gallen sind keulenförmig. Sie entstehen auf den Blättern von Sumach-Arten, z.B. durch Blattläuse auf der Sumach-Art Rhus chinensis. Auch von diesen Gallen findet sich ein Beispiel in der Arzneimittelhistorischen Sammlung Braunschweig. Diese Gallen enthalten sehr viel mehr Gerbstoff als die europäischen und die levantinischen. Daher nahm der Handel mit ihnen in der zweiten Hälte des 19. Jahrhunderts zu, nachdem die chinesischen Häfen für den Handel mit dem Westen geöffnet wurden und gleichzeitig die Nachfrage der Industrie für sie wuchs.

Beißende Schärfe

Die Inhaltsstoffe der Gallen heißen Gerbstoffe. Dieser Ausdruck umfasst eine große Gruppe von Substanzen, die von Pflanzen hergestellt werden und adstringierend (zusammenziehend) wirken. Gerbstoffe kommen in unterschiedlichen Teilen der verschiedensten Pflanzen vor und können chemisch ganz verschieden sein. Gemeinsam ist aber, dass sie Eiweiße fällen, Fasern miteinander enger vernetzen oder einem Gewebe Wasser entziehen können. Mit Metallsalzen können sie farbige Niederschläge bilden.
Das abgebildete Glas enthält eine Mischung aus verschiedenen Vitriolen (Metallsulfaten), hauptsächlich Eisenvitriol, das man häufig mit extrahierten Gallen oder anderen gerbstoffhaltigen Pflanzen reagieren ließ.

Schauglas mit Vitriolgemisch, Inv. Nr. 134
Gallussäure

In einem etwas engeren Sinne sind Gerbstoffe meist polymere Phenole, die Eisenoxydsalze fällen, die dabei als blauer oder schwarzer Niederschlag anfallen. Die abgebildete Gallussäure ist so etwas wie das Grundelement, aus dem sich zum Teil sehr komplizierte Moleküle zusammensetzen.
Ein anderer Aussdruck für Gerbstoffe ist auch Tannine. An beiden Namen ist zu erkennen, welches Gewerbe besonders viel Verwendung für diese Stoffgruppe hatte, nämlich jene, die mit Leder bzw. Tierhäuten zu tun hatten, also die "Gerber", bzw. "tanners" oder "tanneurs" (im Englischen bzw. Französischen). Immer da, wo es etwas zu beizen galt, war die "beißende" Schärfe der Gerbstoffe nützlich. So erwähnt Pomet auch die Rolle der Stoffe beim Färben von Leinen.

Titelkupfer Württemberg. Pharmakopöe 1741

Bekannt und häufig verwendet

Die arzneiliche Anwendung von Gallen war schon lange weit verbreitet, so im alten Ägypten und in der griechisch-römischen Antike. So beschreiben Dioskurides und Galen ihre Verwendung bei Diarrhöe und Ruhr. Auch bei Gebärmuttervorfall sollten Zubereitungen mit Galläpfeln helfen - unter der Vorstellung, dass eine zusammenziehende Wirkung auf das Gewebe des Kleinen Beckens nach Reponierung einen weiteren Prolaps verhindern sollte. Weitere Anwendungen waren bei Zahnschmerzen. Verbrannt und mit Essig oder Wein abgelöscht, sollten zerkleinerte Gallen auch blutstillend wirken. Auf der Haut kamen Zubereitungen bei schuppigem Aussatz vor. Die persische Pharmakopoe von 1681 führt es in gebrannter Form als Collyrium (Augenmittel) an.

Die Pharmacopoea Wirtembergica von 1741 beschreibt Gallen als "krankhafte Auswüchse" der Eichen, die durch Insektenstiche hervorgerufen würden. Von bester Qualität seien die kleinen, schweren und dunklen Gallen, weshalb diejenigen aus Aleppo zu bevorzugen seien. Sie würden gegen Fieber und als Adstringens (zusammenziehendes Mittel) eingesetzt. Das Arzneibuch nennt auch seine Rolle bei der Analyse von Mineralsalzen, da sie diese fällen konnten.

Gallae in der Pharmacop,Wirtenb. 1741


Als Beispiele für die arzneiliche Verwendung in der Frühen Neuzeit seien zwei Pflaster aus dem Arzneibuch von Johann Schröder angeführt. Das eine ist als fieberwidrig angegeben. Hier werden neben Galläpfeln Salz, Schießpulver und Kampfer mit Terpentin vermischt. Die Pflaster sollen klein sein und auf den Puls gebunden werden.
Das andere ist exemplarisch dafür, wie die adstringierende Qualität der Galläpfel ausgenutzt würde - ein Bruchpflaster, das verhindern sollte, dass bei einer Hernie z.B. Darmschlingen durch den Bruch nach außen traten. In Zeiten, in denen chirurgische Eingriffe oft ein zu großes Risiko darstellten, spielten solche Pflaster eine große Rolle, um Komplikationen eines Bruchs zu vermeiden.

Pflaster mit Galläpfeln und Schießpulver
Arzneibuch von Johann Schröder
Bruchpflaster mit Galläpfeln

In dem Bruchpflaster-Rezept kommen viele Zutaten vor, nicht alle sind, was sie scheinen. So ist zum Beispiel mit "Pfedeschwanz" wahrscheinlich der Ackerschachtelhalm (Equisetum) gemeint, und Hirschzunge ist ebenfalls ein pflanzliches Produkt, ein Farn. Es fällt auch Blei auf, das häufig in Pflastern zugegen war, sowie Drachenblut, hier wohl das Harz von Daemonorops Draco (Drachenbaum). Wer das Pflaster anwenden wollte, musste es sich aber etwas kosten lassen, wie auch die Gegenwart von Mastix und Mumie zeigt.

Tintengeschirr aus Fayence um 1750

Schreibzeug für den Hof: Apotheke und Gewerbe

Dass die Gallen in einer arzneimittelhistorischen Sammlung präsent sind, liegt nicht nur an ihrer medizinischen Anwendung sondern auch daran, dass gewerblich verwendete Substanzen häufig von Apotheken abgegeben wurden. So auch die Galläpfel, die wesentlicher Bestandteil für die Herstellung von Tinten waren. So wurde etwa dem Hofkapellmeister Michael Praetorius, der gleichzeitig als Sekretär am Wolfenbütteler Hof fungierte, im September 1609 Galläpfel geliefert, und Herzogin Anne Sophie erhielt 1617 neben Galläpfeln auch Gummi arabicum. Praetorius erhielt zusammen mit Galläpfeln auch Vitriol.

Tintenrezepte 1657

Tintenrezepte

Die typischen Zutaten für Tinte waren bereits im alten Ägypten und auch in China  bekannt, und sie beruhten auf der Fähigkeit des in den Galläpfeln enthaltenenen Tannins, Eisensalze zu fällen. Das im Vitriol mehrheitlich enthaltene Eisensulfat wurde zu Eisen reduziert, und das Tannin zu Gerbsäure oxidiert. Dieser Niederschlag färbte sich an der Luft dunkel. Es gab allerdings ein Problem, denn die Gerbsäure griff mit der Zeit das Pergament oder später auch das Papier an. Außerdem war es wichtig, der Tinte die richtigen Fließeigenschaften zu verschaffen. Zu beiden Zwecken diente der Zusatz von Gummi arabicum. Tinte sollte schwarz sein. Aus diesem Grund wurde häufig zusätzlich Ruß zugesetzt. Wie aus den Lieferungen der Wolfenbütteler Hofapotheke an die fürstliche Familie und ihre Sekretäre hervorgeht, müssen viele der Schreibenden auch ihr eigenes Wissen für die Zubereitung von Tinte gehabt haben. Als typisches Beispiel ist hier das Rezept von Balthasar Schnurre von Lensidel angeführt, der in einem einzigen Buch das wichtigste technische und medizinische Wissen für einen ländlichen Haushalt zusammenfasste.

Tintengeschirr ca. 1920
Tintengeschirr ca. 1920

Noch 1924, als die Fabrikation von Tinten bereits industrialisiert war und die Galläpfel meist durch das aus ihnen isolierte Tannin ersetzt wurden, bemerkt das Pharmazeutische Manual von Eugen Dieterich, dass das Wissen um die Herstellung von Tinten nach wie für Apotheken und Drogerien relevant sei: "... so ist doch die Bereitung der Tinten ein Gebiet, welches auch die Kleinindustrie des Apothekers und Drogisten mit Erfolg bebauen kann und auch bebauen mochte, denn die Nachfrage nach guten Tintenvorschriften in den Fachblättern war friiher immerwahrend vorhanden und kehrt auch jetzt nicht selten wieder." Zu diesem Zeitpunkt hatten bereits die Anilinfarben an Bedeutung gewonnen, die meisten Tinten wurden industriell hergestellt.

Reagenzglas mit Tannin

Tannin als Massenprodukt

Das Gerben und Färben von Leder, noch mehr aber das Färben von Textilien, wurde im Zeitalter der Industrialisierung durch die gesteigerte Nachfrage immer bedeutender. Auch als pflanzliche Farben durch die aus Teer- und Ölprodukten hergestellte Anilinfarben abgelöst wurden, wurden Gerbstoffe weiterhin gebraucht, um die Stoffe zu beizen und die Farben zu fixieren.

Tannine wurden weiterhin aus natürlichen Materialien ausgezogen - schließlich standen sie ja in großen Quantitäten zur Verfügung -  jedoch wurden nun industrielle Verfahren zu ihrer Extraktion entwickelt. Um 1900 importierte Deutschland ca. 23.000 Doppelzentner Gallen aus Kleinasien und etwa ebenso viele aus China. Zusätzlich zur Tanninproduktion dienten die ebenfalls tanninhaltigen Myrobalanen, von denen es im selben Zeitpunkt 103.000 dz. waren. Alle diese Produkte wurden aber auch für medizinische Zwecke weiterverarbeitet, ebenso wie die Tannine aus anderen Pflanzenteilen, allen voran Eichenrinde.

Tanninpräparate 1937

... auch medizinisch immer noch präsent

In  den 1930er Jahren findet sich Tannin unter den Durchfallmitteln. Tannalbumin, eine Verbindung von Tannin und dem Eiweiß Albumin, kommt als Badezusatz vor. Der Gehe-Codex von 1953 verzeichnet noch eine Menge tanninhaltiger Arzneimittel. Gerbstoffe haben nach wie vor medizinische Bedeutung, wenn man ihre Gegenwart in vielen Früchten bedenkt, in Tee und Kaffee bedenkt. Aber auch medizinische Produkte, wie etwa medizinische, tanninhaltige Bäder oder Hautcremes, sind nach wie vor im Handel.

In der Forschung zu neuartigen Polymeren und Gelen spielen sie bis heute eine Rolle. Aber so wie die gewerbliche Anwendung hier kaum gestreift wurde, würde die Rolle dieser großen Stoffgruppe in der technischen Chemie und der aktuellen Pharmazie würde einen eigenen Betrag erfordern.

 

Bettina Wahrig