Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist im Honig
Die Arzneimittelhistorische Sammlung Braunschweig hat im April 2026 Zuwachs bekommen - diesmal nicht durch eine Schenkung, sondern durch eigene Herstellung. Im Rahmen eines Workshops mit der Pharmazeutin und Pharmakognostin Danuta Raj von der Medizinischen Universität Wrocław wurden mehrere historische Arzneimittelvorschriften praktisch nachvollzogen, historisch analysiert und die Ergebnisse diskutiert. Vorgestellt wird hier ein Produkt, das wir heute eher als Nahrungsmittel denn als Arzneimittel verstehen würden: Rosenhonig.
Wir haben uns bei der Herstellung auf Vorschriften aus der Frühen Neuzeit gestützt, aber deren Wurzeln weisen bis auf die Antike zurück. So bezieht sich etwa ein Rosenhonig-Rezept des „Dispensatorio Fiorentino”, eines landessprachlichen (italienischen) Arzneibuchs aus dem 15. Jahrhundert, auf einen „Nicolai” (vielleicht Nicolaos Myrepsos, einen byzantinischen Arzt aus dem 13./14. Jahrhundert). Noch berühmter ist die im selben Buch enthaltene Rezeptur nach dem persisch-syrischen Arzt und Pharmazeuten Yūḥannā Ibn-Māsawayh,, der im 9. Jahrhundert lebte. Sein latinisierter Name, Mesue, ist mit der am häufigsten überlieferten Vorschrift verbunden. Hier wird das gemeinsame Erbe der arabischen und lateinischen Medizin des Mittelalters sichtbar: Der Name "Mesue" ziert viele weitere Rezeptnamen zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert, was zeigt, dass er als Autorität galt; einem von ihm erfundenes Rezept konnte vertraut werden.
Ab Mitte des 16. Jahrhunderts war Rosenhonig ein unverzichtbarer Bestandteil lateinisch-sprachiger Pharmakopoen. Die beiden häufigsten Rezepturen sind hier aus dem Arzneibuch von Valerius Cordus (1548) übersetzt:
Rosenhonig nach Mesue: Nimm 2 Pfund rote, noch nicht ganz geöffnete Rosen und 6 Pfund besten Honig. Koche auf kleinem Feuer nach der Kunst.
Eine zweite, ebenso regelmäßig überlieferte Vorschrift enthielt folgende Anweisung:
„Ein anderer, wirksamerer Rosenhonig: Nimm von roten, noch nicht aufgeblühten, gestoßenen Rosenblättern 2 Pfund. Sie sollen in 4 Pfund Himmelswasser gekocht werden. Der stark ausgedrückten Kolatur wird gereinigter Saft von roten Rosen und von bestem, entschäumtem Honig zugesetzt, sodass insgesamt 2 Pfund entstehen. Es wird nach den Regeln der Kunst gekocht.”
Der Rosenhonig, der in kaum einer späteren Pharmakopöe fehlte, sollte den Magen stärken und ihn von überflüssigen, zähen Säften befreien. Manche Autoren gingen auf den Unterschied zwischen roten und hellen Rosen ein und schrieben besonders den letzteren eine laxierende Wirkung zu. In der Viersäftelehre der Frühen Neuzeit wurde dem Körpersaft Schleim eine kalte und feuchte Eigenschaft zugeschrieben. Dagegen galten besonders die getrockneten Blätter der roten Rosen eher als warm und trocken. Bei unserem Rekonstruktionsversuch haben wir mit getrockneten Blättern gearbeitet, die wir mit warmem Wasser versetzten und abkühlen ließen, bevor sie weiterverarbeitet wurden. Zur Kombination mit dem Honig wurde die Mischung vorsichtig erwärmt, dann ließen wir sie wieder durchziehen und kolierten.
Rosensaft als Bestandteil des Rosenhonigs
Rätselhaft blieb zunächst der Ausdruck "Rosen-Saft" im zweiten Rezept, denn dessen Herstellung beschreibt Valerius Cordus nicht. Zur Beantwortung dieser Frage suchten wir in weiteren Kräuterbüchern nach Beschreibungen der Rose. In Dioskurides' „Materia medica”, übersetzt durch Andrea Mattioli, fanden wir eine Antwort: Frische Rosenblätter werden von den sogenannten „Nägeln”, das heißt den weißen Teilen der Blätter und den Resten des Kelchs, befreit und zerstoßen. Man lässt sie mehrere Stunden oder sogar Tage an einer schattigen Stelle liegen und presst sie dann aus. Auch Plinius erwähnt den Saft, mit mehreren Varianten der Herstellung. Das von ihm erwähnte langsame Erhitzen der gestoßenen Blätter könnte als "stummes Wissen" bei Dioskurides vorausgesetzt worden sein. Die Blätter konnten auch mit Wein oder Wasser bedeckt werden und mussten anschließend passiert werden (z. B. durch ein Tuch). Das erklärt, warum der Rosenhonig in beiden Varianten am Ende klar sein sollte. Wir konnten also davon ausgehen, dass in jedem Fall die festen Bestandteile abgepresst und -geseiht werden mussten.
Gefragt und - nicht immer - teuer bezahlt
Rosenhonig und Rosensaft waren bei weitem nicht die einzigen Rosenprodukte. In der spätmittelalterlichen Geburtshilfe wurde Hebammen geraten, ihre eigenen Hände und die Geburtsteile der Gebärenden mit Rosenöl einzureiben. Dem Neugeborenen sollte Rosenhonig verabreicht werden, da dieser dessen Mekonium zerteilen sollte. Auch Rosenöl wird auch schon bei Dioskurides erwähnt. Hierbei wurden große Mengen Rosenblätter in Öl mit den Händen zerdrückt, stehen gelassen und ausgedrückt. Außerdem wurden Rosen in Wein und in Essig mazeriert und sowohl innerlich als auch äußerlich angewendet. Dabei sollte ihr kühlender Effekt überwiegen. Der Gebrauch von Rosenpräparaten war also in den Heilberufen, aber auch bei Laien, weit verbreitet.
Hierüber geben etwa Dokumente eines Rechtsstreits von 1577/78 im spanischen Valladolid Aufschluss. Eine Apothekerswitwe verklagte einen Kunden bzw. dessen Erben, nachdem über 200 an die Familie gelieferte Rezepte unbezahlt geblieben waren, wodurch eine beträchtliche Summe zusammengekommen war.
Die in den Akten erhaltenen Dokumente illustrieren die Beliebtheit von Rosenpräparaten. Rund 20% der Rezepte enthielten Rosen als Bestandteile. Unter den gelieferten Zubereitungen befanden sich Rosenhonig, Rosensirup, Rosenwasser, Rosenöl, getrocknete Rosenblüten, auch in gepulverter Form, Rosenessig sowie rosenhaltige Tränke.
Von Valladolid nach Wolfenbüttel
Die große Beliebtheit von Rosenprodukten lässt sich ebenso für den Wolfenbütteler Hof bestätigen: Dort wurden zwischen 1576 und 1708 in über 1000 Fällen Zubereitungen aus Rosen von der Hofapotheke angefordert.
Insgesamt 58mal wurde auch Rosenhonig angefordert. Dabei fällt auf, dass der Honig längst nicht immer eingenommen wurde, sondern oft Bestandteil von Salben und nicht selten auch von Klistieren war. 31mal wurde außerdem Rosensirup abgegeben, bei dem der Honig durch Zucker ersetzt war. Dies ist eine Form, die möglicherweise auf die arabisch-sprachige Pharmazie zurückgeht. Bei diesen Lieferungen hat der Apotheker mehrfach die Zusatzbezeichnung "auflösend" vermerkt, was darauf schließen lässt, dass auch hier eine laxierende Wirkung erzielt werden sollte. Es sollte noch erwähnt werden, dass Rosenhonig wahrscheinlich noch viel öfter aus den Vorratsgefäßen der Wolfenbütteler Offizin oder auch anderer Apotheken geholt werden musste, denn einige Vorschriften zur Zubereitung von Pillen enthielten Rosenhonig als Bestandteil, u.a. auch die Pilulae Hierae, über die an anderer Stelle noch berichtet wird.
Rosenwasser und ätherisches Rosenöl
Das am häufigsten an den Wolfenbütteler Hof abgegebene Produkt war Rosenwasser, das etwa die Hälfte der Lieferungen umfasste. Sehr häufig wurde das Wasser in der Backstube verwendet, diente also nicht für medizinische Zwecke. Ebenfalls war es für kosmetische Zwecke beliebt.
Neben der bereits in der Antike bekannten Art, Rosenöl durch Mazerieren und anschließendes Auspressen von Rosenblättern in Öl zu gewinnen, kam in der Frühen Neuzeit (ätherisches) Rosenöl als Destillationsprodukt auf. Dabei werden die Blätter mit Wasser erhitzt, sodass sie ihr ätherisches Öl abgeben. Dieses kondensiert im Auffanggefäß zusammen mit dem Wasser, setzt sich aufgrund seiner geringeren Dichte aber oben ab und kann von dort abgezogen werden. Ein kleiner Rest des ätherischen Öls verbleibt im Wasser; so wurde traditionell Rosenwasser hergestellt. Chemisch gesehen, enthält ätherisches Rosenöl viele verschiedene Bestandteile, vor allem Geraniol und Citronellol, sowie weitere Monoterpene.
Ein Duft aus zahlreichen Duftstoffen
Geraniol und Citronellol kommen in vielen verschiedenen aromatischen Pflanzen vor. Für den charakteristischen Geruch verantwortlich sind Zahl und Verhältnis, in dem die unterschiedlichen flüchtigen Stoffe kombiniert sind, so dass für unseren Geruchssinn der charakteristische Rosenduft entsteht. Beim Citronellol duftet die R-Form nach Zitronengras, die S-Form nach Geranienöl. Geraniol ist dominierend im Rosenduft, kommt aber wie Citronellol in zahlreichen Duftpflanzen vor. Mit unseren ca. 300 spezifischen Rezeptoren in der Riechschleimhaut können wir Zehntausende verschiedene Düfte identifizieren, unter anderem den charakteristischen Rosenduft.
Heute wird Rosenwasser immer noch hergestellt, entweder aus Wasser mit künstlichem Rosen-Aroma oder mit sehr wenigen Tropfen ätherischen Rosenöls. Und immer noch wird Rosenwasser für kulinarische Zwecke wie auch wegen seines Geruchs, etwa für Raumdüfte, verwendet. Die verschiedenen Rosensorten - unten abgebildet sind drei der vier Tafeln aus dem Garten von Eichstätt (1613) - unterscheiden sich nicht nur durch Ihr Äußeres, sondern auch durch ihre Duftnoten.
Einzigartig und vielfältig
Es ist also gerade die Vielfalt der enthaltenen Duftstoffe, die in uns durch das Zusammenspiel von Rezeptoren, Nervenbahnen, Erinnerungen und Gefühlswerten die Geruchswahrnehmung mit dem einen Namen, "Rosenduft" entstehen lässt. Dieser Vielfalt entspricht die botanische und optische Buntheit der Rose, wie sie in vielen Gestalten in unseren Gärten erscheint.
Neben den wilden Rosen existieren viele Arten und unzählige Sorten von Rosen. Sie werden seit Jahrtausenden kultiviert, sie tragen zur medizinischen, kulinarischen und ästhetischen Bereicherung des Lebens auf der Welt bei. Die Einzigartigkeit der Rose liegt in ihrer Vielfalt, in den emotionalen Kräften, die seit Tausenden von Jahren in ihre Kultivierung und den Handel mit ihr, in ihre Wertschätzung und ihre Verwendung, vermittelt durch den materiellen und kulturellen Austausch gelegt werden.
Als Ausdruck dieses Gedankens - der Einzigartigkeit in der Vielfalt - ist auch Gertrude Steins Gedichtzeile: "Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose ist eine Rose" ("Rose is a rose is a rose is a rose") oft verstanden worden. Es ist in der Tat verführerisch, bei diesem Satz wirklich an Rosen, an ihre reiche Geschichte, ihre Kulturtechniken und ihren kosmetischen, arzneilichen und kulinarischen Genuss, zu denken. In Steins Gedicht "Sacred Emily" (1913), in dem der Satz zum ersten Mal erschien, sind noch viele andere Motive enthalten, sie wären vielleicht als eine duftende Botschaft des "Weiterredens, Weiterdenkens, Weiterfragens" zusammenzufassen.
Bettina Wahrig