Trochisci Viperini oder Gift gegen Gift
Die ca. 2-3 cm großen weißlichen Rädchen mit siegel-ähnlicher Prägung und dem gefährlichen Namen enthalten aller Wahrscheinlichkeit nach wirklich Schlangenfleisch. "Trochiscus" kommt aus dem griechischen Wort für "Rad", es handelt sich also um "Schlangenrädchen". Das Objekt in unserer Sammlung ist nicht genau zu datieren, historisch lässt sich aber nachvollziehen, dass Trochisci Viperini von der griechischen Antike bis ins 19. Jahrhundert arzneilich verwendet wurden. Kurz gesagt, wurden die "Rädchen" hergestellt, indem Schlangenfleisch gekocht und mit fein gemahlenem weißem Zwieback zu einem Brei verarbeitet wurde. Dieser wurde dann in Rädchen aufgeteilt und an einer nicht zu sonnigen Stelle getrocknet und währenddessen mehrfach gewendet. Warum aber ein Medikament aus Schlangenfleisch, und wie kamen "Räder" in den Arzneischatz?
Trochisci
Historisch bedeutend ist hier nicht nur der Inhalt, sondern auch die Form: Trochisci, übersetzt manchmal als "Rädchen", aber auch als "Zeltlein", waren entweder plan oder evtl. kleine flache Kegelchen. Synonym wurde manchmal auch der Ausdruck "Küchlein" benutzt. Die begrifflichen Übergänge sind fließend. Typisch war die Verbindung eines feinen Pulvers mit einem breiförmigen Bindemittel, das nach der Zubereitung austrocknete, im Fall der Küchlein manchmal auch durch Erwärmen oder Backen im Ofen, dann hätten wir es mit "Tortelli" zu tun. Bei den Vipernrädchen war das Schlangenfleisch selbst die breiförmige Komponente, die Brotbrösel erzeugten die dichtere Konsistenz und konnten während des Trocknens Feuchtigkeit aufsaugen.
Auch wenn die gezeigten "Rädchen" von Kunstfertigkeit und Sorgfalt zeugen: Im Prinzip war diese Herstellungsweise ohne großes pharmazeutisches Gerät, quasi in der Küche, möglich. Die einbettende Masse bewahrte die Arzneistoffe davor, sich unter dem Einfluss der Umgebung zu verändern. So ist zu erklären, dass für Trochisci neben Mehlprodukten auch Bindemittel aus Pflanzensäften, z.B. Traganth, verwendet wurden, womit die pulverisierten Arzneistoffe luftdicht abgeschlossen und lange aufgehoben werden konnten. Eine dersartige Substanz könnte bei unserem zweiten Objekt, einem Exemplar mit der Bezeichnung "Trochisci viperarum", verwendet worden sein.
Vipernfleisch als Medikament
Im Mittelmeerraum stellten zwischen der Zeit der Antike und der europäischen Frühen Neuzeit Schlangenbisse eine erhebliche Gefahr dar. Das Fangen von Vipern wurde zu einem eigenen Beruf. Dazu musste man lernen, die Vipern aufzuspüren und so zu ergreifen, dass sie dem Fänger nicht schaden könnten. Diese Tätigkeit diente aber vorrangig nicht der Beseitigung von Gefahr, sondern der Gewinnung einer Ware, die eine Grundlage für Arzneimittel war.
Wenn es richtig zubereitet wurde, sollte Vipernfleisch z.B. die Sehkraft und die Nerventätigkeit verbessern oder einen Kropf zum Schrumpfen bringen, wie 1559 Mattioli im Anschluss an Dioskurides vermeldet. Es wurde sogar vermutet, dass ein regelmäßiger Verzehr von Vipernfleisch das Leben verlängere.
Angst vor Vergiftung
Die wichtigste Anwendung von Schlangenfleisch resultierte aber aus folgender Frage: Warum starben Schlagen nicht an ihrem eigenen Gift? Vielleicht enthielt ihr Körper ein Gegengift, so dass sie sozusagen immun waren. Dann wäre es möglich, durch Verzehr von Schlangenfleisch diese Immunität zu erwerben.
Das erklärt, warum Schlangenfleisch - meist in Form von Trochisci viperini - Bestandteil des wohl berühmtesten und teuersten Medikaments im antiken und frühneuzeitlichen Arzneimittelwesen war: des Theriaks. Beim Theriak handelt es sich um eine Latwerge, d.h. eine breiförmige, halbfeste Zubereitung, mit meist über 60 Zutaten. Die Idee eines universellen Antidots gegen Gifte geht auf König Mithridates VI (1. Jh. v. Chr.) zurück. Mithridates wusste, dass die Wirkung mancher Substanzen nachließ, wenn man sich an sie gewöhnte, wie etwa beii Wein oder Opium (vgl. unser Objekt des Monats), weshalb er sich durch täglichen Verzehr kleiner Mengen giftiger Materien schützen wollte. Seine giftschützende Latwerge bestand aus ca. 40 Zutaten. Das war angeblich so erfolgreich, dass er vergeblich versuchte, sich zu vergiften, als er eine entscheidende Schlacht verloren hatte und sterben wollte. Andromachus , der Leibarzt von Kaiser Nero, vermehrte in seiner speziellen Theriak-Mischung die Zahl der Zutaten und fügte u.a. Vipernrädchen hinzu. Eine praktische Rekonstruktion haben neulich Raj et al. übrigens erfolgreich durchgeführt.
Das Gift-Rätsel
Aber warum stirbt die Viper nun nicht am eigenen Gift? Der Arzt und Wissenschaftler Francesco Redi (1626-1697) befragte zunächst die Vipernfänger über ihre Erfahrungen mit dem Gift. Danach stellte er eigene systematische Beobachtungen an und zeigte, dass ihr Gift in einer Hauttasche gespeichert ist, die mit dem Fangzahn verbunden ist. Beißt die Schlange zu, so wird das Gift in das Gewebe des Opfers transportiert. Das Gift kommt also mit dem restlichen Körper der Schlange nicht in Berührung. Redi experimentierte auch systematisch mit dem aus den Fangzähnen gewonnenen Gift und zeigte, dass dieses durch Kontakt mit dem Blut wirkte, jedoch nicht, wenn es verschluckt wurde. Mit seiner Methode, Experimente systematisch zu wiederholen und zu dokumentieren, trug er zur Entstehung einer modernen Experimentalkultur bei.
Moyse Charas (1619-1698), ein renommierter Arzt und Apotheker, der auch ein erstes französisches Arzneibuch verfasste, ordnete die Bestandteile des Theriak in die Naturgeschichte ein. Da er aber behauptete, das Schlangengift würde erst und nur dann richtig giftig, wenn die Schlange wütend sei, erregte er Widerspruch. Redi zeigte, dass auch das Gift toter Schlangen Tiere umbrachte, wenn man es nur an eine verletzte Hautstelle applizierte.
Gift-Experimente
In derselben, experimentellen Richtung bewegte sich auch der englische Arzt Richard Mead (1673-1754), der auf die Idee kam, Gifte mikroskopisch zu untersuchen. Auch er befasste sich zunächst mit Schlangengift, bevor er sich weiteren toxischen Stoffen widmete. Nachdem er eine Viper dazu gebracht hatte, ihr Gift auf eine Glasplatte zu entleeren, legte er die getrocknete Flüssigkeit unter das Mikroskop. Er fand auffallend spitze Kristalle. Das passierte auch bei mineralischen Giften. Anschließend an Redis Einsicht, dass der Kontakt mit dem Blut entscheidend war, vermutete Mead, die spitzen Kristalle würden die roten Blutkörperchen aufspießen, worauf diese eine Flüssigkeit ausschieden, die das Blut zum Gerinnen brächten. In späteren Arbeiten sah Mead allerdings den Hauptwirkort der Gifte in den Nerven.
Gibt es DAS Gift überhaupt?
Zahlreiche Tierversuche und gelegentliche Selbstexperimente der Forschenden brachten im 18. Jahrhundert eine Wende in der Gift-Forschung: Anstatt nach einheitlichen Gesetzen für DIE Vergiftung und DAS Gift zu suchen, so dass am Ende ein universell wirksamen Gegengift stünde, variierten Forschende ihre Experimente mit einem einzigen Gift schrittweise, oft an großen Zahlen von Versuchstieren. So verglich Felice Fontana (1730-1805) in großen Versuchsreihen die Wirkung des Kirschlorbeers und des Pfeilgifts Curare und suchte nach den spezifischen Strukturen des Körpers, auf die sie wirkten. In den "Objekten des Monats" zur Brechnuss, zum Curare und zum Stechapfel haben wir Momente dieser detaillierten Suche aufscheinen lassen.
Aufgeklärte Ärzte wandten sich gegen die Idee eines universellen Gifts oder eines universellen Gegen-Gifts, gar einer Panacea. Obwohl noch wenig darüber bekannt war, wie eine spezifische chemische Wirkung auf den lebenden Körper aussehen könnte, erschien die Vorstellung von Universalmitteln nun abgeschmackt. Dass jedes Gift spezifisch war und verschieden wirkte, war jetzt der Ausgangspunkt für die Suche nach spezifischen Gegenmaßnahmen.
Schlangenbiss zum Zweiten: Mithridates lebt weiter
Was aber, wenn DOCH ein Gift sein eigenes Gegengift erzeugen könnte? War das Prinzip der Gift-Immunisierung durch Gift-Konsum endgültig erledigt? Im Wissen, dass dies nicht ganz stimmte, war die schöne Literatur der Wissenschaft um ein halbes Jahrhundert voraus. In Alexandre Dumas' Roman "Der Graf von Monte Cristo" (1844) versucht Héloise de Villefort vergeblich, ihre Stieftochter und ihren Schwiegervater Noirtier mit Brucin zu töten; da dieser zuvor Brucin in steigender Dosis als Medikament einnahm, bleibt die Wirkung aus. Der jungen Valentine gibt Noirtier, der die böse Absicht ahnt, etwas von seiner Medizin ab, und auch sie bleibt verschont.
Dumas hat das aktuelle toxikologische Wissen seiner Zeit gekonnt um die weiterhin kursierenden Erzählungen von Mithridates und dessen phantastischer Giftresistenz erweitert, denn die Frage liegt doch nahe: Kann man statt eines universellen nicht vielleicht ein ganz spezifisches Gegengift produzieren?
Bei der Behandlung von Schlangenbissen kommt genau dieses Prinzip zum Einsatz. Sind die Schlangenart und die Zusammensetzung des von ihr produzierten Gifts bekannt UND hat man zuvor durch Immunisierung von Tieren ein Antiserum erzeugt, so können bei rechtzeitigem Einsatz die tödlichen Folgen verhindert werden. Das liegt daran, dass Anfang des 20. Jahrhunderts das Prinzip der Immunisierung durch Antikörperbildung erkannt wurde. Unter anderen Paul Ehrlich und Emil von Behring erkannten das Prinzip der passiven Immunisierung, durch das Anti-Seren bei Vergiftungen und bestimmten Infektionskrankheiten hervorgebracht werden können. Sie belegten es experimentell und brachten die ersten Gegengifte in Umlauf. Dass mit dem Verständnis der passiven Immunisierung und ihrer schrittweisen Standardisierung auch die aktive Immunisierung - Impfung - auf den Weg kam, sei hier nur am Rande erwähnt.
Am Schluss sei noch auf die Selbstexperimente von Tim Friede aus Wisconsin (USA) hingewiesen. Friede hat sich immer wieder von Giftschlangen beißen lassen. Vielleicht wird sein Serum dann doch zum universellen Gegengift? Eine Podcast-Serie des Deutschlandfunks erforscht den Hintergrund.
Bettina Wahrig