Lein (Juli/August)

Lein als Zwischensaat 2026

Ein schlichtes Kraut

Lein (Linum usitatissmum) war bereits Thema in der Ausstellung "Öl - zwei Buchstaben, viele Welten", aber nur in seiner Eigenschaft als Quelle des Leinöls. Im Frühling und Sommer haben wir Lein in unseren privaten Gärten erfolgreich als Zwischensaat eingesetzt, die Photos stammen aus dem Juni und Juli 2026. Wenn Baumaßnahmen oder der Klimawandel einen Strich durch die Gartenplanung machen, ist man froh, wenn aus dem schnell gesäten Lein etwas Grünes wächst, bis sich das Erdreich und die älteren Stauden erholen.

Erste Nachweise über die Präsenz von Lein sind bereits in der jüngeren Steinzeit zu finden, seine Kultur begann spätestens 6000 Jahre vor unserer Zeit, vermutlich im Nahen Osten. Damit ist Lein eine der ältesten weltweit verbreiteten Kulturpflanzen, nur wenig jünger als Weizen, Reis oder Hirse.

1000 Geschichten vom Lein

In der "Naturgeschichte" von Plinius (gest. 77 n.Chr.) werden dem Lein zunächst ambivalente Komplimente gemacht: Mit seinen vielen Anwendungsmöglichkeiten bringe er Fluch und Segen, z.B. brächten Segel aus Leintuch die Menschen einander näher, aber verführten sie auch zu Übermut, etwa waghalsigen Seefahrten. Hier kommt Plinius richtig ins Erzählen. Die Gattung "Historia naturalis" wird ja eigentlich gerade nicht als "Geschichte" im Sinne von Erzählung verstanden; unter dem Titel ist viel Sachwissen überliefert, so auch in den 37 Bänden von Plinius, der aus allen erhältlichen Quellen naturkundliches Wissen zusammengetragen hat. Aber hier sieht man, dass für einen antiken Autor dieses Wissen auch erzählbar ist - und zwar in durchaus unterhaltsamer Weise. Gerade in seinem Kapitel über Leinsamen betreibt Plinius Naturgeschichte als die Geschichte der Verwobenheit des Menschen mit der Natur. Kultur und Natur sind Momente eines Prozesses, des "Stoffwechsels des Menschen mit der Natur" (Marx).

Linum usitatissmum, blühend
Lini semen (Leinsaat)

Verarbeiteter Lein als Arznei

Nach der Abwertung folgt die Aufwertung: Nicht nur aus Lein gefertigte Gewebe, auch aus dem Samen lasse sich doch viel Nutzen ziehen, gesteht Plinius. Arzneilich verwendete Bestandteile des Leins waren zuerst die Samen, auch in der etwa zur gleichen Zeit entstandenen Materia medica des Dioskurides spielte das Öl noch keine Rolle. Die Samen wurden im Ganzen oder geschrotet als Abkochung verwendet und dienten in dieser Form häufig zu Umschlägen und Auflagen. Geröstet sollten die Samen nach Plinius gegen Durchfall helfen, als Latwerge (halbfeste, honigartige Leckarznei) bei Schwindsucht, mit Essig und Öl als Breiumschlag bei Unterleibserkrankungen und Ruhr, auch Klystiere kennt er. Die Tendenz der Samen, einen Schleim abzugeben konnten (und können) äußerlich genutzt werden, um schmerzende und entzündete Stellen zu kühlen oder auch zu wärmen. Plinius nennt sehr viele verschiedene Zubereitungen mit unterschiedlichen Zutaten. Als Indikationen nennt er - wie auch die späteren Schriften - u.a. Frauenleiden. Bei Schwindsucht und Erkrankungen der oberen Luftwege galten innerlich oder äußerlich angewandte Abkochungen als hilfreich, ebenso bei Blasenentzündungen. Ich habe mir selbst oft eine Auflage aus erwärmtem geschrotetem Leinsamen gemacht, wenn ich eine Sinusitis hatte.

Die Geschichte geht weiter: Lein als Arznei in der Frühen Neuzeit -

Der hohe Gehalt der Leinpflanze an Schleimstoffen und Ölen wurde sowohl im Mittelalter als auch in frühen Neuzeit ausgenutzt, und die Pflanze fand Eingang in die ersten gedruckten Arzneibücher. Die meisten frühneuzeitlichen Rezepturen verwendeten als Öle Olivenöl, das manchmal auch mit weiteren Pflanzen aromatisiert wurde. Im folgenden Rezept ist etwa von Veilchenöl, d.h. von durch Veilchen aromatisiertem Olivenöl die Rede. Gelegentlich wird auch Leinöl erwähnt, aber die Leinsamen, besonders geschrotet und eingeweicht, wurden bevorzugt So verwendet ein im Arzneibuch (Dispensatorium) von Valerius Cordus (Ausgabe von 1598) speziell für Brustfellentzündung empfohlenes Pflaster Leinsamen. Neben Eibischwurzel werden Veilchen oder Iris, Bockshornklee, Leinsamem, Veilchenlöl, Kamille, süße Mandeln, Wachs und Butter empfohlen. Nur an zwei Stellen kommt in diesem Buch auch Leinöl vor.

Das hier vorgestellte Pflaster-Rezept mit Leinsaat kommt vom Augsburger Apotheker Georg Melich (1500-1585) her, der in Venedig wirkte und ab 1575 ein italienisches Arzneibuch (Dispensatorio) herausgab; dieses wurde posthum ins Lateinische übersetzt. Die erste Ausgabe des Dispensatoriums von Valerius Cordus (1546) enthält das Rezept noch nicht, es kann aus der ersten italienischen, aber auch aus einer späteren lateinischen Übersetzung übernommen worden sein. Augsburg und Nürnberg waren die ersten Städte im deutschsprachigen Raum, die Arzneibücher verbindlich vorschrieben. In ihnen fand eine lebhafte Kommunikation zwischen Gelehrten verschiedener Disziplinen statt. Das Beispiel zeugt von europäischen Wissens-Netzwerken im 16. Jahrhundert. Das Digitalisat ist schwer zu lesen, daher gibt es eine Audio-Datei zur Unterstützung.

Brustpflaster 1575
Pflaster gegen Pleuriis 1598

Empiastro Pflaster-Rezept auf Italienisch

Titel: Übersetzung Zutaten

Hieronymus Bock New Kreutterbuch

Etwa zeitgleich berichtet der Kräuterbuchautor Hieronymus Bock über den Lein und seine Anwendungen, und man sieht, dass er von Plinius' Erzählungen stark inspiriert ist. Bock erwähnt Öl als Alternative zu anderen Zubereitungen von Lein zur äußerlichen Anwendung, aber der Schwerpunkt bleibt auf den Samen. Er kennt  eine Vielzahl Indikationen. Mit Plinius verbindet ihn aber nicht nur das Wissen über die Anwendungen im medizinischen Bereich, er nimmt auch dessen Überlegungen über die kulturelle Bedeutung des Krauts auf. Die von Plinius erwähnte Gefahr, die uns das Perfektionieren des Segel-Wissens gebracht hat, erwähnt Bock nicht, stattdessen liegt sein Schwerpunkt darauf, den Lein als Stammpflanze für heimische Stoffe hoch zu loben und seinen Landsleuten Hochmut und Prunksucht vorzuwerfen, falls sie sich unbedingt mit kostbaren Stoffen aus fernen Landen schmücken wollen: "Oh wie groß ist der Stolz, so allein aus dem Geitz entspringet, dass sich niemand an dem so Gott der Herr uns so reichlich und überflüssig bescheret hat, will ersettigen lassen." Das gelte auch für die Sucht, fremdartige, wohl gar gefährliche Arzneien zu importieren, statt sich mit dem, was der Lein allein uns bietet, zu begnügen. Aus dem bereits zu Plinius' Zeit universal verbreiteten Kraut ist ein "teutsches" geworden. Bock ist  wie viele seiner humanistischen Freunde aber deshalb kein früher "Deutschtümler", er verbindet vielmehr das Nachdenken über unser Verhältnis zur Welt mit dem Bemühen um einen authentischen Ausdruck in der Landessprache. Die Kultur und ihre Früchte sollen allen zugute kommen, nicht nur den Reichen und den Gelehrten.

Vom Teutschen Flachs

Von Teutschem Flachs
H. Bock

Flachs in Bock 1587

Aber Bock hat noch nicht genug erzählt. Er dreht nun die Perspektive auf den Lein selbst und nennt ihn ein "gemartertes Kraut". Unter diesem Titel wird seine Verarbeitung vom Flachs zum Kleidungsstück geschildert, und wieder sind es die oft gierigen und hoffärtigen Menschen, die dem Flachs besonders zusetzen. Nach der Reife wird der Flachs gerupft, gedroschen, geschlagen, gewässert, gehechelt, gesponnen, verwebt, als Stoff zerschnitten und mit Nadeln gestochen, bis er schließlich der Eitelkeit der Menschen dienen muss: "gute Döchter und allerlei Gesind" verwenden ihn, aber auch als Windel und schließlich zum "Arschwischen" muss er sich hergeben. Und danach endet er in Form von Lumpen, zerrissen, aufgelöst und aufgeweicht in der Papiermühle.

Das Motto dieses Beitrags "Ein schlichtes Kraut" stammt auch von Bock. Dieser nennt Lein nämlich "ein schlechtes Kraut". "Schlecht" konnte im frühneuzeitlichen Deutsch aber eben auch schlicht heißen. Diese Beschreibung passt auch wirklich zur Gestalt der Pflanze.

 

Titel: Gemartert Kraut

Gemarterter Flachs
Hiernonymus Bock

Titel Maulwurf

Trotz Bocks humoristischem Schreiben - denn unter dem Vorwand dieser Leidensgeschichte wird ja doch berichtet, wie wichtig der Lein für die Menschheit ist - sehen wir hier eine etwas andere, weniger freundliche Perspektive als die im bekannten Kinderbuch "Wie der Maulwurf zu Hosen kam". Dort sollten wohl vor allem die in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung liegenden Vorteile für die gesamte Gesellschaft betont werden. Die menschliche Arbeit könnte das Leiden des Leins vergessen lassen, wenn unsere Produkte nun wirklich die lebendigen Spiegel unserer Wesen geworden wären, von denen einige träumten, und nicht nur die Spuren, die unsere Machtverhältnisse an den nichtmenschlichen Wesen hinterlassen haben.

Diese Geschichte muss jetzt erst einmal zuendegehen...

... denn nun ist fast schon der August rum, und das Juli-Objekt musste mit demjenigen aus dem August zusammenrücken. Also die Kurzversion: Wir sehen heute die Leinsaat nicht mehr als Marter für den Boden an, bereichern unsere Mägen und Haut mit den vielen guten ungesättigten Ölen der Leinsaat und schätzen sie mehr denn je als Verdauungshilfe. Die Verwendung geschroteter Leinsamen zur Förderung der Verdauung ist sogar seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert noch aktueller geworden. Nachdem immer mehr Kritik an drastischen und reizenden, auch den pflanzlichen Abführmitteln laut wurde, hat Leinsamen als Quellmittel seinen Platz in der Hausapotheke behalten oder sogar ausgebaut. Lesen Sie hier mehr über die gewerbliche Anwendung von Leinöl und versprochen: die Geschichte geht weiter.

 

Bettina Wahrig