Medizin, Konsum- und Kunst-Objekt: Radix Liquiritiae
"Radix Liquiritae" bzw. "Liquiritiae radix" ist der wissenschaftliche Name für Süßholzwurzel. Deren Stammpflanze heißt "Glycyrrhiza glabra". Der Name ist hergeleitet aus den griechischen Worten glykys=süß und rhiza=Wurzel. Glabra bedeutet glatt, kahl; die Drüsen auf der Unterseite der unpaarigen behaarten Blätter machen diese klebrig, weshalb auch eine Übersetzung von "glaber" als "klebrig" im Umlauf war, die aber nicht zutrifft. Die Pflanze kann 50 bis 150 cm hoch werden und hat einen verzweigten Stängel; die blaßlila gefärbten Schmetterlingsblüten kommen aus Blütentrauben. Die Pflanze hat einen schwachen aber charakteristischen Geruch und einen sehr süßen, leicht aromatischen Geschmack.
Das Glycyrrhizin, welches der Pflanze den süßen Geschmack verleiht, ist der hauptsächlich wirksame Bestandteil. Süßholz enthält etwa 5,3 bis 14% Glycyrrhizin; dieses ist das Glykosid der Glycyrrhizinsäure, es besitzt die 50-fache Süßkraft von Rohrzucker. Des weiteren enthält Süßholz 9,25% Stickstoffsubstanz, wenig Gerbstoffe, 3,5% Fett, 20- 30% Stärke, etwa 0,03% eines ätherischen Öles, 1-Asparagin, bis zu 10% Bitterstoffe, außerdem Harze.
Global gesehen ist Süßholz eine der am längsten bekannten Drogen. Bereits in einem ägyptischen Papyrus wurde sie für Katarrhe der Atemwege erwähnt Auch in den Schriften der griechisch-römischen Antike wurde Süßholz geschätzt, so im Corpus Hippocraticum, bei Theophrast, Dioskurides, Plinius, Celsus und Scribonius Largus. Während die Wurzel im Corpus Hippocraticum nur äußerliche Verwendung fand, empfahlen spätere Autoren, z.B., Dioskurides, auch innerliche Anwendungen, vor allem als Hustenmittel und bei Rachenkatarrh mit Mandelentzündung. Laut Dioskurides wird der Saft ausgekocht und eingedampft bis zur Honigkonsistenz. So wirkt er, wenn man ihn unter die Zunge legt, gegen Rauheit der Luftröhre; gegen Magenbrennen, Brust- und Leberleiden, mit Wein getrunken bei schmerzhaftem Harndrang und Nierenleiden; er löscht den Durst. Bei Magenkrankheiten kann die Wurzel gekaut werden; als Salbe oder Abkochung ist Süßholzwurzel ein Wundmittel,die trockene Wurzel hilft bei Überwachsen der Nägel.
Süßholz stammt ursprünglich aus Südeuropa, Nordafrika und Westasien. Angebaut wird es in der Türkei, China, Russland, Bulgarien und Italien. Geschichtlich lässt sich sagen, dass der Anbau in Nordeuropa noch nicht so lange geht, denn in den Pflanzenlisten des frühen Mittelalters sind keine Einträge über Süßholz zu finden. In Italien ist zu sehen, dass der Anbau erst im 13. Jahrhundert startet. In Deutschland wird Süßholz seit dem 15. Jahrhundert in Bamberg angebaut und ist wird immer noch als kulturelles Erbe der Stadt hochgehalten.
Über die Verwendung von Süßholz in Südasien berichten Pharmakognosten Anfang des 20. Jahrhunderts, dass er als Liebeszauber eingesetzt werde; an Buddhas Geburtstag werde seine Statue in eine Kufe gesetzt und dann mit einem Sud der Pflanze begossen. Was dann abtropfte, werde aufgefangen und als Heilmittel genutzt.
Die frühneuzeitlichen Kräuterbuchautoren Hieronymus Bock und Matthiolus rühmten Süßholzwurzel bei sehr vielen Krankheiten, vor allem als Expektorans, Nieren- und Blasenmittel und bei Leber- und Magenerkrankungen. Hieronymus Bock berichtet bereits in der frühesten Ausgabe seines Kräuterbuchs (1539) über die wirtschaftliche Bedeutung der Pflanze: Wie andere Völker sich des Zuckers rühmten, so "dürfen wir Deutschen des Süßholzes uns nicht beschämen". Wenn er zur Wahl zwischen Zucker und Süßholz gezwungen wäre, würde er das letztere wählen, denn es besitze überlegene medizinische Eigenschaften und sei auch für ärmere Leute erschwinglich. Die Empfehlung, es für allerhand Magen-Pulver und "Treseneien" zu gebrauchen, verweist auf den Übergang zwischen Arznei und Genussmittel. Das heute nicht mehr gebräuchliche Wort "Treseneien" konnte sowohl ein grob gestoßenes Pulver als auch eine Süßigkeit bedeuten. Süßholz sei "leichtlich aufzubringen", besonders im Bistum Nürnberg, so heißt es auch in der Ausgabe 1587.
Obwohl also eigentlich ein Neophyt und jedenfalls ein botanischer Vagabund - die Masse der zubereiteten Wurzeln wurde aus Spanien und Russland importiert - war Süßholz hier schon zu einem Zeichen deutscher Pflanzenkultur avanciert, die übrigens gerade wieder auflebt: Es gibt sogar eine Bamberger Süßholzgesellschaft.
Schwarzer Saft zum Lutschen und Kauen: Lakritze
Der eingedickte Süßholzsaft ist unsere Lakritze. Auch diese wurde nicht nur als Süßigkeit gehandelt, sondern war auch in Apotheken erhältlich. Da die Lakritze bei der üblichen handwerklichen Herstellung aber häufig mit Faserstoffen und fremden Zusätzen versetzt war, wurde die Handelsware in Apotheken oft wieder verflüssigt, geklärt, gereinigt und erneut eingedickt, bevor die Kund:innen ihre Lakritze aus der Apotheke erhielten.
Krünitz' Ökonomische Enzyklopädie erwähnt 1839 weitere Zubereitungsformen, die in Apotheken erhältlich waren: "Außer dem genannten gereinigten Safte liefern die Apotheken noch Süßholzpasten, Pasta Liquiritiae, eine Abkochung der Wurzel mit Arabischem Gummi und Zucker. Man nimmt in einigen Apotheken den Absud vom Süßholze und macht sie wie die Pasta Altheae [Eibisch-Paste]. Man rührt sie nicht um, und setzt kein Eyweiß hinzu, weshalb sie hell, durchsichtig und gelblicht ist. Weiße auch gelbe Süßholzstöckchen, Bacilli de liquir. alb. s. citrini, weiße Brustkuchen, Trochisci becchici albi, dergleichen gelbe und schwarze, Trochisci becchici flavi et nigri, Süßholzsyrub, Syrupus Liquiritiae, der auf die gewöhnliche Art bereitet wird. -- Die Benutzung dieser Süßholzwurzel, die in den Apotheken Glycyrrhiza, Liquiritia, Dulcis radix genannt wird, ist daher sehr mannigfaltig."
Der dunkle Süßholzsaft findet sich bis heute in Bier (Guinness, Kilkenny, Köstritzer) und gibt diesem den süßen und süffigen Geschmack.
Süßholzwurzel als Evergreen
Im 18. Jahrhundert wurde das Indikationsspektrum etwas enger, die Anwendung konzentrierte sich auf Atemwegsbeschwerden. Allerdings wurde Süßholz in unterschiedlichen Zubereitungen sehr vieler Anwendungen als Geschmackskorrigens zugesetzt.
Haller beschrieb die Verwendung des Mehls, das "mildernd und süß" sei, für die äußerliche Verwendung bei wunder Haut von Kindern. Die innerliche Anwendung sah er vor allem bei Grießschmerzen und bei Brustbeschwerden gegeben. Gleichzeitig warnt er jedoch auch vor zu häufigem Gebrauch, da es Magen und Gedärme schlapp machen und zu Blähungen führen könne.
Die Anwendung als Hilfsstoff beschränkte sich nicht auf die geschmackskorrigierenden Eigenschaften der Süßholzwurzel; sowohl das Pulver als auch der eingedickte Saft wurden bei der handwerklichen Herstellung fester Arzneiformen eingesetzt, um diesen Form zu geben, d.h. als Konstituens, wie etwa in der 1944er Ausgabe der "Grundlagen der allgemeinen Arzneiverordnung" von Trendelenburg formuliert.
Süßholzwurzel und Süßholzsaft waren seit der ersten Ausgabe im Deutschen Arzneibuch vorhanden. Nach wie vor lassen sich diese Produkte in der Apotheke kaufen, geraspelte Süßholzwurzel findet sich auch im aktuellen Europäischen Arzneibuch. Kein Wunder also, dass der Unterricht in Drogenkunde sowohl für angehende Apotheker:innen als auch für Drogist:innen diese Produkte umfasste. Die Arzneimittelhistorische Sammlung Braunschweig dokumentiert dies mehrfach. In der zu Unterrichtszwecken genutzten Drogensammlung der Drogistenschule aus dem frühen 20. Jahrhundert ist die Wurzel ebenso zu finden wie in der Caelo-Drogensammlung aus den 1960er Jahren. Diese enthält zusätzlich eine Probe des sog. Holztees zu Blutreinigung.
Ein besonderes Objekt wurde uns für diesen Beitrag vom Institut für Pharmazeutische Biologie und der dortigen umfangreichen pharmakognostischen Sammlung überlassen: gedrechselte Süßholzwurzel. Bezeichnet mit "Radix liquiritiae mundata tornata", findet man in einem für die Sammlung Wolter (Anfang 20. Jahrhundert) typischen mit blauem Papier beklebten Kästchen mehrere ansprechend gestaltete, handgedrechselte Stücke weißlicher Süßholzwurzel. Wie uns Dr. Rainer Lindigkeit, erklärte, handelt es sich offensichtlich um ein individuell hergestelltes Produkt, ein Unikat, denn diese Bezeichnung findet sich in den einschlägigen Arzneibüchern und Kommentaren nicht.
" Zur Bereitung der Pillen auf der Pillenmaschine muß das Arzneimittel zunächst in eine knetbare Form gebracht werden. Dies geschieht durch Mischen mit geeigneten festen und flüssigen Konstituentien. Auf alle möglichen Kombinationen, welche gute Pillengrundlagen abgeben können, soll hier nicht eingegangen werden. Man kommt bis auf wenige, im speziellen Teil in Rezepten wiedergegebenen Ausnahmen mit den Grundlagen aus, welche der Apotheker nach einer Vorschrift des DAB. zu verwenden hat, wenn keine näheren Angaben über eine Zusammensetzung der Grundlage gemacht werden. Diese Grundlagen sind Gemische von gleichen Teilen Radix Liquiritiae pulv. (offiz.), pulverisierte Süßholzwurzel, und Succus Liquiritiae depuratus (offiz.), gereinigter Süßholzsaft (s. S. 127), oder von Extract. Faecis (offiz.), Hefeextrakt und Glycerin. Sie können unter der allgemeinen Bezeichnung "Massa pilularum" in der Verschreibung angeführt werden." (Trendelenburg 1944)
In älteren Nachschlagewerken finden sich Beschreibungen vielfältiger Darreichungsformen, aber nichts Vergleichbares. Allerdings konnten auch einfache Stücke der Süßholzwurzel, wie sie sich in den beschriebenen Sammlungen finden, eine ähnliche Funktion haben: Sie konnten in ein heißes Getränk eingetaucht werden und gaben dann nach kurzer Zeit die süßen Inhaltsstoffe an dieses ab, ähnlich vielleicht wie die Stäbchen mit Kandiszucker, die in der ostfriesischen Teekultur beliebt sind. Die Süßholzwurzeln konnten auch gekaut werden, schmeckten dann, wie Hager bemerkt, nicht nur süß. sondern "leicht kratzig".
Die Verfügbarkeit und die langandauernden Erfahrungen mit Süßholz führten dazu, dass bis heute auch für Pferde Süßholzdekokte bei Husten eingesetzt werden, wie wir aus erster Hand erfahren konnten. Die sekretolytische, expektorierende und entzündungshemmende Wirkung ist aufgrund der Saponine und der Glycyrrhizinsäure erklärbar. In - vitro- und Tierversuche legen außerdem nahe, dass Süßholzextrakte antibakteriell, fungistatisch und antiviral wirken könnten. Bevor daraus konkrete Einsatzgebiete abgeleitet und belegt werden können, muss allerdings noch weiter geforscht werden. Da die Inhaltsstoffe den Blutdruck und den Mineralhaushalt beeinflussen können, ist bei Bluthochdruck Vorsicht geboten.
Mayra Stogniew und Bettina Wahrig