Wissenschaft im öffentlichen Konflikt: Klimawandel und Covid-19-Pandemie in digitalen Öffentlichkeiten aus deliberativer und agonistischer Perspektive
Wissenschaftliche Kontroversen bestehen in gesellschaftlichen und politischen Debatten häufig weiter, selbst wenn sie innerwissenschaftlich bereits vorläufig gelöst sind (Erviti et al., 2018). Besonders deutlich wird dies bei Themen rund um sogenannte Socio-scientific Issues (SSIs) wie dem Klimawandel oder der Covid-19-Pandemie, die weitreichende politische Maßnahmen umfassen sowie moralisch aufgeladen sind und in digitalen Öffentlichkeiten immer neue Dynamiken entwickeln.
Online-Umgebungen und soziale Medien verändern die Rahmenbedingungen öffentlicher Kommunikation, unter anderem durch die Veränderungen der Akteurskonstellationen (Taddicken & Schmidt, 2022). Durch die direkte Kommunikation an ein breites Laienpublikum können Wissenschaftler*innen leichter sichtbare Rollen in öffentlichen Debatten einnehmen und geraten dabei teilweise auch in öffentliche Konflikte. Insbesondere während der Covid-19-Pandemie sahen sich Wisenschaftler*innen auch verbalen Attacken ausgesetzt (Nogrady, 2021). Anfeindungen gegenüber Wissenschaftler*innen haben dabei nicht nur individuelle Folgen für die Betroffenen, sie sind auch aus öffentlichkeitstheoretischer Perspektive ein ernstes Problem, da sie Diskursnormen verletzen und die Äußerungsbereitschaft betroffener Akteur*innen reduzieren können (Nölleke et al., 2023) und folglich inklusive Beteiligung an öffentlichen Debatten gefährden. Gleichwohl sind nicht alle Formen von Konflikt in digitalen Öffentlichkeiten eine Gefährdung für eine demokratische Auseinandersetzung. Eine öffentlichkeitstheoretisch fundierte Differenzierung zwischen destruktiven Konfliktdynamiken, die demokratische Diskursnormen verletzen, und konstruktiven Auseinandersetzungen, die Pluralität und Beteiligung fördern, ist daher erforderlich.
Diese Dissertation nutzt eine integrative öffentlichkeitstheoretische Perspektive, die deliberative und agonistische Ansätze komplementär zusammenführt, um Konflikte in digitalen Öffentlichkeiten differenzierter erfassen und normativ diskutieren zu können. Empirische Studien zu Online-Diskussionen zu Klimawandel- und Covid-19-Themen werden durch öffentlichkeitstheoretische Perspektiven gerahmt, die sich an der Schnittstelle von Wissenschaftskommunikation und politischer Kommunikation befinden.