Durch den Raum. Konstruktionen und Funktionen von Raumordnungen in Goethes "Wilhelm Meisters Lehrjahre"
Die Studie untersucht mithilfe der literarischen Raumtheorie von Jurij M. Lotman die narrativen Konstruktionen von Raumordnungen in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre und bestimmt über die Analyse materieller und raumsemantischer Aspekte die Funktionen dieser Raumordnungen. Der Fokus liegt dabei insbesondere auf ihrer Ordnungsfunktion. Diese offenbart sich schon auf der strukturellen Ebene der Lehrjahre, weil Wilhelm Meister nie in eine schon durchquerte Raumordnung zurückkehrt. So entsteht eine (zunehmend komplexer werdende) Reihe an Raumordnungen, die den Roman strukturell organisiert und an deren Ende das Schloss des Oheims als ideales Gebäude steht, in dem sämtliche Erzählstränge in eine kohärente narrative Ordnung überführt werden. Zudem organisieren die Raumordnungen auf der Handlungsebene das Figurenensemble des Romans, denn die meisten Figuren werden mit und durch den Raum in ihren wesentlichen Eigenschaften vorgestellt. Dass der Raum von der Erzählinstanz dabei meist vor den Figurenauftritten darin narrativ konstruiert wird, spricht für eine Vorrangstellung des Raumes in den Lehrjahren, die sich durch den Roman zieht. Sie offenbart sich einerseits auch in dem maßgeblichen Einfluss, den der Raum auf das Figurenverhalten nimmt. Andererseits stehen die Raumordnungen der Lehrjahre in engem Zusammenhang mit symbolischen Ordnungen. So manifestieren sich die Gesellschafts- und Geschlechterordnungen des Romans in dessen Raumordnungen, die auf diese Weise erneut ihr strukturierendes Potential zeigen.