Auf dieser Seite stellen unsere Teammitglieder regelmäßig wissenschaftliche Artikel aus dem Bereich der Resilienzforschung vor. Dabei wählen wir Artikel aus, die uns für die Resilienzforschung begeistert haben oder die unser Verständnis von Resilienz verändert und weiterentwickelt haben. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf Arbeiten, die sich mit Resilienz bei Kindern und Jugendlichen beschäftigen. Ab und an schauen wir aber auch gerne über den thematischen Tellerrand.
Wolke, D., Zhou, Y., Liu, Y. et al. A systematic review of conceptualizations and statistical methods in longitudinal studies of resilience. Nat. Mental Health 3, 1088–1099 (2025). https://doi.org/10.1038/s44220-025-00479-3
Vorgestellt von: Natalie Schöllner
Worum geht es?
Der Artikel untersucht, wie der Begriff Resilienz in der psychosozialen Forschung in den letzten dreißig Jahren konzeptualisiert und statistisch analysiert wurde. Dazu führte das Autor*innenteam eine systematische Übersicht über 193 Längsschnittstudien mit insgesamt über 800.000 Teilnehmenden durch. Ziel war es, zu klären, ob Resilienz als Eigenschaft, Ergebnis oder Prozess verstanden wird, welche statistischen Methoden (variablen- oder personenzentriert) verwendet werden und welche Arten von Schutz- und Risikofaktoren untersucht wurden. Ziel war es, mehr Struktur in die bisher sehr heterogene Resilienzforschung zu bringen und Empfehlungen für zukünftige Studien zu entwickeln.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse aus der Studie?
Die Autor:innen stellten eine erhebliche Uneinheitlichkeit fest: 68 % der Studien definierten Resilienz gar nicht ausdrücklich und nur ein Drittel legte sie als Eigenschaft, Prozess oder Ergebnis fest. Variablenzentrierte Methoden, insbesondere Regressionsanalysen, dominierten mit 85 %, während personenzentrierte Ansätze selten verwendet wurden. Am häufigsten wurden Kindheits- und Familienbelastungen als Formen von Adversität untersucht, mentale Gesundheit war die häufigste Ergebnisvariable. Schutzfaktoren wie familiäre Unterstützung oder soziale Beziehungen traten am häufigsten auf, während neurobiologische Faktoren kaum berücksichtigt wurden. Insgesamt zeigt die Analyse, dass Resilienz meist implizit als Prozess verstanden wird, also als dynamische Anpassung an widrige Lebensumstände, methodisch jedoch oft noch unzureichend erfasst wird.
Was macht den Artikel aus Deiner Sicht zu einem wichtigen Beitrag?
Der Artikel ist ein zentraler Beitrag, da er die theoretische und methodische Zersplitterung der Resilienzforschung empirisch sichtbar macht. Er schafft eine Meta-Perspektive über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten und zeigt auf, wo definitorische und methodische Lücken bestehen. Besonders bedeutsam sind die konkreten Empfehlungen der Autor:innen: Sie fordern klare, prozessorientierte Definitionen, die Integration mehrdimensionaler und multisystemischer Ansätze (z. B. auf biologischer, psychologischer und sozialer Ebene) sowie den Einsatz kombinierter statistischer Verfahren, um individuelle Unterschiede besser abzubilden. Damit bietet der Artikel eine wertvolle Grundlage für zukünftige Forschung, die konsistenter, vergleichbarer und theoretisch fundierter sein soll.
Was nimmst Du mit aus dem Artikel für Deine Arbeit?
Für meine eigene Arbeit wird deutlich, dass präzise Begriffsdefinitionen und methodische Transparenz grundlegende Voraussetzungen für belastbare wissenschaftliche Erkenntnisse sind. Der Artikel zeigt darüber hinaus, dass eine sorgfältige Abstimmung statistischer Verfahren mit theoretischen Modellen, beispielsweise durch die Verbindung von variablen- und personenzentrierten Ansätzen, entscheidend ist, um individuelle Entwicklungsverläufe angemessen abzubilden. Eine interdisziplinäre Perspektive, die biologische, psychologische und soziale Ebenen integriert, trägt dabei wesentlich zu einem vertieften Verständnis bei.