Erkämpfte Selbstbestimmung um 1900
Der schmale Band "Aus eines Mannes Mädchenjahren" erschien 1907 unter dem Pseudonym "N.O. Body". Bereits mit der Wahl des Titels und des Pseudonyms beweist der Autor dieser kurzen und spannend zu lesenden Autobiographie schriftstellerisches Talent. Zu lesen, wie einem Menschen vor 120 Jahren ein falscher Geschlechtskörper zugeschrieben wird, wie der Betroffene dies erkennt und die damals gesetzlich vorgeschriebene Grenze einer absoluten Binarität schließlich überwindet, hat mich beim ersten Lesen sehr bewegt. Geboren mit uneindeutigen Genitalien, standesamtlich als Mädchen registriert und als solches erzogen, bemerkt das Kind an sich selbst körperliche Unterschiede zu den anderen Mädchen. Die Eltern bringen ihm zwar Liebe und Verständnis entgegen, sie sorgen auch für eine gute, dem sozialen Status eines Mädchens aus bürgerlichen Kreisen entsprechende Erziehung, aber über die körperlichen Probleme wird aus Schamgefühl nicht gesprochen – es herrscht hier ein Tabu, das auch nicht durchbrochen werden kann, als die Pubertät das Kind zunehmend in Zweifel und Unbehagen stürzt. Die Eltern sind aufgrund der Tabuisierung von allem, was mit Körper und Sexualität zusammenhängt, keine Hilfe. All das Unpassende, Unerklärliche wird schamhaft verborgen, und "Norbert", so der pseudonyme Vorname, ist mit seinen Zweifeln und dem Gefühl des Ungenügens und des Andersseins allein.
In dem Mädcheninternat, das er besucht, gewinnt der Autor eine einigermaßen stabile Position: Die pubertierenden Mädchen, die sich mit ihrem Körper und den meist phantasierten Beziehungen zu Jungen oder Männern beschäftigen, akzeptieren die "Mitschülerin" als verschieden, aber Erklärungen für die sichtbaren Zeichen der körperlichen Verschiedenheit werden nicht gesucht und vom Autor schamhaft verborgen. Die sich zunehmend ausprägenden sekundären männlichen Geschlechtsmerkmale werden von der Umgebung ignoriert oder umgedeutet.
Aus "Nora" wird "Norbert"
Der Autor erzählt, wie er sich nach der Schule gegen die Eltern durchsetzen muss, um studieren zu können, "Nora" wird politisch aktiv, arbeitet später als Sozialarbeiterin, unternimmt Reisen und plädiert auch öffentlich gegen die soziale Benachteiligung von Frauen. Mit der Entstehung einer stabilen, auch intimen Liebesbeziehung zu einer Frau wird es dem Erzähler immer deutlicher, dass sein Geschlecht falsch zugeschrieben wurde. Als anlässlich eines Unfalls eine körperliche Untersuchung erfolgt, wird der Autor in der Überzeugung bestätigt, ein Mann zu sein. Unterstützt durch juristische Beratung und medizinische Gutachten, kann N.O. Body schließlich beim zuständigen Amtsgericht eine Änderung des Geschlechtseintrags erreichen und findet auch Wege zur Heirat mit seiner Geliebten. Als beratender medizinischer Begleiter konnte der Sexualforscher Magnus Hirschfeld identifiziert werden, der auch ein Nachwort zu dem Buch geschrieben hat.
Forschende konnten die Person hinter dem Pseudonym identifizieren: Karl M. Baer, 1884 standesamtlich als Mädchen (Martha) eingetragen, wurde in Bad Arolsen geboren; 1906 erhielt er seinen männlichen Vornamen. Fast zehn Jahre – von der Pubertät bis zu seinem 22. Lebensjahr – vergingen, bis Baer mit den geänderten Papieren eine neue bürgerliche Existenz aufbauen konnte. Erst die biographische Forschung erkannte die Zugehörigkeit Baers zur jüdischen Community, welche die Autobiographie bewusst verschweigt, weshalb manche beruflichen Angaben ungenau bleiben. Tatsächlich engagierte sich Baer in jüdischen Organisationen, leistete Sozial- und Aufklärungsarbeit für Frauen und Mädchen und organisierte Nothilfe für osteuropäische Gemeinden nach Pogromen. Nach der Korrektur des Geschlechtseintrags blieb er in jüdischen Gemeinden verschiedener Orte aktiv: zunächst als Sekretär, ab 1911 als Direktor der Berliner Sektion der Loge B’nai B’rith. 1938 emigrierte er wegen rassistischer Verfolgung nach Palästina.
Schwieriger Umbruch und ein Plädoyer für Vielfalt
Obwohl mehrere medizinische Gutachten zu dieser Leidens- und Entwicklungsgeschichte bekannt sind, bleiben anatomisch-physiologische Details unklar, ebenso ist in der Forschung umstritten, ob vor der amtlichen Geschlechtsänderung eine Operation stattfand und wenn ja, welcher Art. Der Autor schildert sein Leben als das eines Menschen, dem – trotz äußerer Widerstände – sein wahres Geschlecht früh klar war, was später medizinisch bestätigt wurde. Erst kurz vor der offiziellen Anerkennung begann er, sich als Mann zu kleiden.
Über den schwierigen beruflichen Umbruch aufgrund des Geschlechtswechsels heißt es in der Autobiographie: "Zuerst aber muß ich mir einen Beruf suchen, der es mir ermöglicht, einen eigenen Hausstand zu gründen. Das ist nicht leicht, denn es muß eine Beschäftigung sein, die nach jeder Richtung hin meinen Fähigkeiten und Bedürfnissen entspricht. Als Nora O. Body hätte ich sie zweifellos leichter gefunden. […] Alle meine mühsam erworbenen Kenntnisse erwiesen sich als schwer verwendbar. […] meine Zeugnisse lauten eben auf Nora O. Body und sind für den jungen Norbert fast wertlos. Ich bin von allen Bewerbungen, bei denen man Tauf- und Geburtsscheine vorlegen muß, ausgeschlossen, da meine Papiere immer jenen berichtigenden Zusatz tragen. Das so oft verlangte Reifezeugnis einer höheren Lehranstalt fehlt mir ebenfalls, und auf die Frage, wo ich meine Bildung erwarb, wird meine Antwort: „in einer höheren Töchterschule“ wohl mehr Befremden als Befriedigung hervorrufen."
Sowohl der Sexualforscher Magnus Hirschfeld, Herausgeber des "Jahrbuchs für sexuelle Zwischenstufen" und einer der Gutachter, als auch der Autor selbst heben zwei Punkte hervor: Zum einen fordern sie eine Reform der Gesetze zugunsten sexueller Selbstbestimmung, zum anderen setzen sie sich für eine Auflockerung der starren Geschlechterrollen ihrer Zeit ein. Warum musste Karl M. Baer trotz seiner bisherigen Erfolge einen neuen Beruf ergreifen? Warum verweigerten Gesellschaft und Staat jede Durchlässigkeit zwischen den Geschlechtern? Auch heute fragen wir: Welche Machtstrukturen werden durch das Postulat unantastbarer biologischer Unterschiede gesichert? Welche Vorstellung von sozialer Ordnung gerät in Gefahr, wenn Geschlechterrollen flexibler verstanden werden? Vergleiche mit den Ergebnissen von Ulrike Kloeppel – dem zweiten Buch-Blog in dieser Reihe – drängen sich auf. Hirschfelds wissenschaftliche Tätigkeit galt im frühen 20. Jahrhundert den sexuellen Zwischenstufen und verankerte die „Geschlechtscharaktere“ sowohl im Körper als auch in der Seele. Zum Abschluss zitiere ich zwei Sätze aus dem nach wie vor lesenswerten Nachwort:
"Wir wissen jetzt, daß Fälle wie der vorliegende nur extreme Formen sexueller Zwischenstufen sind, von denen leichtere Grade auf körperlichem und seelischem Gebiete in großer Mannigfaltigkeit vorkommen. Ja, es scheint sogar fraglich, ob die moderne Ansicht richtig ist, welche in diesen Abweichungen von der Norm schlankweg Störungen und Mißbildungen erblickt, oder ob nicht die antike Auffassung mehr für sich hat, die hier nur eigentümliche Spielarten, Varietäten und Besonderheiten der Gattung Mensch sah."
Bettina Wahrig