Psychische Erkrankungen sind Volkskrankheiten. In der Allgemeinbevölkerung leiden etwa 30% der Menschen an einer psychischen Erkrankung. Menschen mit psychischen Erkrankungen haben Beeinträchtigungen in der Lebensbewältigung, insbesondere in Lebensbereichen die wenig Toleranz für Normabweichungen haben, wie bspw. am Arbeitsplatz. Arbeit ist auf der einen Seite eine wichtige Ressource im Leben, die für viele Menschen nicht nur Lohnerwerb, sondern auch soziale Einbindung, Anerkennung und Identitätsstiftung bedeutet. Es gibt jedoch an Arbeitsplätzen auch naturgemäß eine Reihe von Faktoren die Ängste forcieren können - bei Gesunden und erst recht bei Menschen mit psychischen Erkrankungen. Diese "Bedrohungsfaktoren" sind bspw. Rivalitäten und Rangkämpfe unter Kollegen, sanktionierende und überwachende Vorgesetzte, Mitarbeiterrankings, Computer-Monitoring von Mitarbeitern, Unfallgefahren, sowie Ungewissheiten was an betrieblichen Neuerungen oder gar Arbeitsplatzunsicherheit auf einen zukommen mag. Untersuchungen seit 2004 zeigen, dass etwa 30-60% der Patienten in einer medizinischen Rehabilitation von Arbeitsplatzängsten betroffen sind. Unter psychisch gesunden Berufstätigen berichteten etwa 5%, dass sie sich auch schon einmal wegen unerträglicher Probleme am Arbeitsplatz hatten krankschreiben lassen.
Eine randomisierte kontrollierte Therapiestudie zeigte Behandlungsansätze auf, in denen sich insbesondere die konkrete bewältigungsorientierte Auseinandersetzung mit der aktuellen eigenen Arbeitssituation als zielführend erwies.
In zukünftiger Forschung möchten wir herausfinden, ob und ggf. wie in ambulanten Behandlungen auf arbeitsbezogene Fähigkeits- und Aktivitätsbeeinträchtigungen eingegangen wird.
Literaturauswahl:
Muschalla, B. (2019). Selbstmanagement am Arbeitsplatz. Ein Gruppentraining für Menschen mit Arbeitsängsten. Stuttgart: Kohlhammer.
Muschalla, B. (2017). Arbeitsängste und ihre Behandlung in der medizinischen Rehabilitation. Handwerkszeug für Fähigkeitentrainings und Psychotherapie. Die Rehabilitation, 56, 38-46.
Muschalla, B., Angerer, P., & Knaevelsrud, C. (2017). Arbeitsfähigkeitsbeschreibung bei psychischen Erkrankungen. Verhaltenstherapie, 27, 27-34.
Muschalla, B. (2014). Arbeitsbezogene Ängste in Forschung und Praxis - Ein aktuelles Schnittstellenphänomen. Zeitschrift für Arbeits- und Organisationspsychologie, 58, 206-214.
Muschalla, B., & Linden, M. (2013). Arbeitsplatzbezogene Ängste und Arbeitsplatzphobie. Phänomenologie, Differentialdiagnostik, Therapie, Sozialmedizin. Stuttgart: Kohlhammer-Verlag.
Die Bedeutung einer Krankheit hängt nicht nur von der Art und Schwere der Symptomatik ab, sondern ebenso von den daraus erwachsenden Fähigkeitsbeeinträchtigungen und den Folgen für die Lebensführung. Die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit (ICF) erfasst diese ganzheitliche Sicht unter den Begriffen Funktion/Symptom auf der einen Seite und Aktivität/Fähigkeit/Teilhabe andererseits. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Therapie-Steuerung und sozialmedizinische Fragestellungen, z.B. der Arbeitsfähigkeit.
Die Abgrenzung zwischen Krankheit und Krankheitsfolgen ist bei psychischen Erkrankungen eine besondere Herausforderung. Ein international etabliertes Instrument, das an dieser Schnittstelle zum Einsatz kommt, ist das "Mini-ICF-Rating für Aktivitäts- und Partizipationsbeeinträchtigungen bei Psychischen Erkrankungen (Mini-ICF-APP)". Im Sinne einer "Gliederung für einen Fähigkeitsbefund" gibt das Mini-ICF-APP Fähigkeitsdimensionen vor, die bei psychischen Erkrankungen beeinträchtigt sein können.
Es gibt zudem Hilfestellung, wie der Beeinträchtigungsgrad in Abhängigkeit von den Umweltanforderungen einzuschätzen ist. Damit liefert es wichtige Informationen für therapeutische Ansatzpunkte auf der Ebene der Fähigkeiten (wie z.B. Training von Kontaktfähigkeit, Flexibilität, Proaktivität, oder Anpassungsfähigkeit) sowie des Kontextes (z.B. Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben, Betriebliches Eingliederungsmanagement). Es kann bei der Therapieplanung, für Arbeitsförderungsmaßnahmen und vor allem sozialmedizinischen Begutachtungen eingesetzt werden.
Aktuelle Entwicklung und Forschung widmet sich der fähigkeitsorientierten Beschreibung von Umweltanforderungen, z.B. von Arbeitsplätzen (für psychische Gefährdungsbeurteilung), oder selbständigem Wohnen.
Literaturauswahl
Muschalla, B. (2018). Assessing psychological work demands with an ICF-oriented concept of psychological capacities. Gruppe Interaktion Organisation, 49, 81-92.
Muschalla, B., Rau, H., Küster, A., Willmund, G.D., & Knaevelsrud, C. (2017). Work-related capacity disorders in self- and observer-rating in military personnel with mental disorders. Wehrmedizinische Monatsschrift, 61, 260-268.
Linden, M., Muschalla, B., Baron, S., & Ostholt-Corsten, M. (2018). Exploration mittels Mini-ICF-APP. Arbeits- und Leistungsfähigkeitsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen. Ein Fallbeispiel. Berlin: Deutsche Rentenversicherung. https://www.deutsche-rentenversicherung.de/Allgemein/de/Inhalt/3_Infos_fuer_Experten/01_sozialmedizin_forschung/downloads/
sozmed/klassifikationen/miniICF.pdf?__blob=publicationFile&v=5
Linden, M., Baron, S., Muschalla, B., & Ostholt-Corsten, M. (2015). Fähigkeitsbeeinträchtigungen bei psychischen Erkrankungen. Diagnostik, Therapie und sozialmedizinische Beurteilung in Anlehnung an das Mini-ICF-APP. Göttingen: Hogrefe.
Muschalla, B. (2014). Fähigkeitsorientierte Verhaltenstherapie bei psychischen Erkrankungen. Verhaltenstherapie, 24, 48-55.
Weisheit kann verstanden werden als eine Fähigkeit zum Umgang mit schwierigen und
letztlich unlösbaren Lebensbelastungen.
Diese Fähigkeit wird von allen Menschen jeden Tag benötigt. So ist es ein letztlich unlösbares
Problem, ob man zuhause beim kranken Kind bleibt oder zur Arbeit geht, ob man teure
Bioprodukte kauft oder das bei Billigprodukten gesparte Geld für andere Dinge investiert, ob
man heiraten soll mit allen Risiken einer Partnerschaft oder lieber Single bleibt, mit allen
damit assoziierten Problemen. In keinem der Fälle gibt es "die richtige Lösung", in jedem Fall
macht man etwas falsch. Es handelt sich um Lebensdilemmata, wie sie das Leben allen
Menschen täglich stellt. Manche Menschen leiden darunter, andere können damit produktiv
umgehen. Dies hängt wesentlich vom Grad der individuellen Weisheit ab. Weisheit ist damit
ein Resilienzfaktor in der Bewältigung von Lebensbelastungen.
Aus klinischer Sicht ist es naheliegend, bei Patienten mit Belastungs- und speziell
Verbitterungsreaktionen Weisheit therapeutisch zu fördern, in der Erwartung, den Patienten
dadurch Fähigkeit zur Lösung bestehender Probleme zu vermitteln. Weisheit kann, analog zur
Selbstsicherheit, als eine mehrdimensionale psychologische Fähigkeit verstanden werden mit
den Dimensionen Perspektivwechsel, Selbstdistanz, Empathie, Emotionswahrnehmung und -
akzeptanz, emotionale Serenität und Humor, Fakten- und Problemlösewissen,
Kontextualismus, Wertrelativismus, Selbstrelativierung, Ungewissheitstoleranz,
Nachhaltigkeit, Problem- und Anspruchsrelativierung.
In einer ersten Therapiestudie ergaben sich Hinweise, dass Patienten, die sich von negativen
Lebenserfahrungen nicht lösen können, Probleme in der Aktivierung von
Weisheitskompetenzen haben. Es wurde eine verhaltenstherapeutische Methode entwickelt,
die Weisheitstherapie, die Patienten helfen soll, nicht mehr umkehrbare, schwierige
Lebenssituationen zu bewältigen.
Unsere Arbeitsgruppe widmet sich weiterführend der Untersuchung von Verbitterungserleben
und Weisheitskompetenzen im Bereich Arbeit.
Literaturauswahl:
Muschalla, B., & Linden, M. (2010). Embitterment and the workplace. In: Linden, M., &
Maercker, A. (Eds.). Embitterment. Societal, psychological and clinical perspectives (pp. 152-
165). Springer.
Muschalla, B., & Linden, M. (2017). Verbitterung und Arbeitsplatz. In: Kahl, K.G., & Winter,
L. (Hrsg.). Arbeitsplatzbezogene Psychotherapie (S. 91-98). Kohlhammer.