TU BRAUNSCHWEIG

Die Entdeckung im Spülwasser

Vom Studium an einer Universität kann Agnes Pockels nur träumen. Mädchen dürfen ja zu ihrer Zeit noch nicht studieren. Das wird erst im Jahr 1909 erlaubt. Das ist gerade mal 100 Jahre her. Damals ist Agnes Pockels schon 47 Jahre alt.

Agnes Pockels darf kein Abitur machen und sie darf nicht an einer Universität studieren – nur weil sie ein Mädchen ist. Und weil sie ein sehr gehorsames Mädchen ist, folgt sie dem Wunsch der Eltern und bleibt nach der Schule zu Hause. Sie führt den Eltern den Haushalt, kocht, putzt und wäscht. Und als die Eltern krank werden, pflegt die junge Frau sie. Das sind keine guten Startbedingungen, um eine berühmte Forscherin zu werden.

Ihr Bruder Fritz bringt ihr seine Physikbücher aus der Universität mit, denn Agnes interessiert sich sehr für Physik. Sie liest die Bücher, arbeitet die Schriften durch und versucht, sich den Stoff selbst beizubringen. Da sie kein Labor hat, in dem sie experimentieren kann, macht sie Versuche am Küchentisch.

Eine wichtige Beobachtung fällt Agnes mit 19 Jahren beim Blick auf das Spülwasser auf. Die Oberfläche des Wassers ist wie eine dünne Filmschicht. Ein leichter Porzellanknopf kann darauf liegen, ohne im Wasser unterzugehen. Das Spülwasser besitzt eine Oberflächenspannung. Ändert sich die Größe der Oberflächen, wird auch die Oberflächenspannung anders. Der Porzellanknopf sinkt.

Agnes Pockels will Experimente zu dieser Beobachtung machen. Dafür entwickelt sie 1882, also im Alter von 20 Jahren, eine Messmethode, die in ähnlicher Form noch immer genutzt wird. Ihre Erfindung baut sie aus einer leeren Fleischextraktdose, darauf befestigt sie die Apothekerwaage ihres Großvaters. Diese erhält anstelle der Waagschale einen Drahtring. In einem zweiten Aufbau verfeinert sie ihre Erfindung. Sie nimmt eine 70 Zentimeter lange, rechteckige Blechrinne. Diese füllt sie mit Wasser. An einer Waage befestigt sie einen Blechstreifen. Ihn kann sie vorsichtig absenken, bis seine Unterseite die Wasseroberfläche berührt. Dieser Metallstreifen, Schieber genannt, teilt nun die Wasseroberfläche in zwei Teile. Die Abschnitte der Wasseroberfläche kann Agnes Pockels vergrößern und verkleinern, je nachdem, an welche Stelle sie den Schieber setzt.

Mit dieser Erfindung macht Agnes Pockels Versuche zur Oberflächenspannung und notiert die Ergebnisse in ein Tagebuch. Sie findet auf diese Weise heraus, dass sich die Oberflächenspannung bei Wasser mit Spülmittel anders verhält als bei reinem Wasser ohne einen Zusatz. Bei Spülwasser ändert sich die Oberflächenspannung jedes Mal, wenn Agnes die Größe der Oberfläche verändert. Sie nennt das die Anomalie der Wasseroberfläche. Bei reinem Wasser kann Agnes die Größe der Oberfläche beliebig verändern, also den Schieber an unterschiedliche Stellen setzen, und die Oberflächenspannung bleibt immer gleich. Das nennt sie die normale Oberfläche.

Zehn Jahre forscht Agnes Pockels am Küchentisch. Dann hilft ihr der englische Physiker Lord Rayleigh, ihre Ergebnisse in der berühmten Zeitschrift „Nature“ zu veröffentlichen. Durch die Hilfe des Physikers darf Agnes Pockels nun über ihre Versuche schreiben – obwohl sie eine Frau ist. Immer mehr Forscher werden auf die mutige Frau aufmerksam.

Erfolg und Anerkennung erhält Agnes Pockels erst 1932. Damals ist sie schon 70 Jahre alt. Die Technische Universität Braunschweig verleiht der Forscherin, die nie studiert hat, die Ehrendoktorwürde. Agnes Pockels ist die erste Ehrendoktorin einer Technischen Hochschule in Deutschland. Die Technische Universität verleiht seit 1992 zu Ehren von Agnes Pockels die Agnes-Pockels-Medaille, die an Wissenschaftler verliehen wird. Am Institut für Chemie gibt es außerdem das Agnes-Pockels-Labor. Darin können Schüler experimentieren und ganz wie Agnes Pockels chemische Versuche ausprobieren.

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  aktualisiert am 04.08.2017
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