Abstracts

Walter Dubislav: Philosophie als Methode

Prof. Dr. Peter Bernhard
Institut für Philosophie
Universität Erlangen-Nürnberg, z.Zt. Universität Jena

 

Walter Dubislav steht idealtypisch für den sich in den 1920er Jahren konstituierenden Logischen Empirismus, der sich in die progressiven Aufbruchsbewegungen seiner Zeit einreihte und sich durch ein vertieftes Verständnis von Natur- und Formalwissenschaften sowie durch eine demokratische, kosmopolitische Gesinnung auszeichnete. Diese Grundausrichtung ist bei Dubislav bereits im Werdegang angelegt: Besuch eines Realgymnasiums, Promotion mit einer Arbeit über Beweistheorie und Habilitation über Definitionslehre an der Technischen Hochschule Berlin, wo er im Anschluss als Privatdozent und Professor tätig war; sie entspricht aber auch Dubislavs Engagement in der Freistudentenschaft, in der Gesellschaft für empirische Philosophie und in der Vereinigung freiheitlicher Akademiker e.V. Inhaltlich tritt der zugrunde liegende Denkstil nicht nur in Dubislavs Schwerpunkten Definitions- und Methodenlehre hervor, sondern auch in seinem Bemühen, die traditionellen Themen der Philosophie mit dem Instrumentarium der Begriffsanalyse und der sogenannten modernen Logik zu behandeln. Exemplarisch seien hier das Systematische Wörterbuch der Philosophie (1923) genannt, in welchem die Fachtermini der neuen Logik als philosophische Begriffe eingeführt und nach dem Vorbild der Hilbert’schen Axiomatik miteinander verbunden werden sowie seine Naturphilosophie (1933), die sich in weiten Teilen der heute sogenannten analytischen Methode bedient.

In dem Referat sollen diese Punkte näher ausgeführt werden. Zudem soll auf Dubislavs Vortrag am Dessauer Bauhaus im November 1929 eingegangen werden, der in gewisser Weise ein Kulminationspunkt all dessen darstellt.


Unter Kybernetikern. Gotthard Günther am Biological Computer Laboratory

Christoph Görlich, M.A. und Jan Müggenburg, M.A.
Institut für Kultur und Ästhetik Digitaler Medien (ICAM)
Universität Lüneburg

 

„Es war ein etwas wunderliches Gefühl für einen ehemaligen Assistenten und Dozenten der Philosophie, schließlich als Professor für Electrical Engineering das letzte Jahrzehnt seiner wissenschaftlichen Tätigkeit vor der Emeritierung zu verbringen.“ (Gotthard Günther: »Selbstdarstellung im Spiegel Amerikas«, in: Ludwig J. Pongratz (Hg.): Philosophie in Selbstdarstellungen, Band 2, Hamburg 1975, S. 1–77, S. 19.)

Zwischen den Jahren 1958 und 1976 existierte an der ingenieurwissenschaftlichen Fakultät der University of Illinois in Urbana-Champaign ein kybernetisches Labor, an dem Physiker und Elektrotechniker gemeinsam mit Medizinern, Biologen und Philosophen forschten und lehrten. Die Fakultät und ihr Department for Electrical Engineering duldeten die unkonventionelle Forschungsagenda des Biological Computer Laboratory, weil dessen Gründer und Direktor Heinz von Foerster den Betrieb seines Labors fast ausschließlich mit militärischen und anderen öffentlichen Forschungsmitteln aufrechterhielt. Stand in den ersten Jahren noch die Konstruktion von Maschinen im Mittelpunkt des BCL, mit denen die behauptete Überlegenheit des Biological Computing belegt werden sollte, nutzte man die Sonderposition des Labors ab Mitte der 1960er-Jahre, um sich vermehrt philosophischen und gesellschaftlichen Fragen ohne unmittelbaren Anwendungsbezug zuzuwenden. Das Resultat dieser sozio-philosophischen Wende an Foerster Labor waren Theorien und Denkfiguren, die vor allem eine konzeptuelle Weiterentwicklung der Kybernetik selbst zur Folge haben sollten (z.B. ‚Kybernetik zweiter Ordnung’).

Einer der maßgeblichen Akteure dieser Entwicklung war der Philosoph und Logiker Gotthard Günther, der im Jahr 1961 durch die Vermittlung Warren McCullochs und finanziert durch das Office of Scientific Research der US Air Force eine Gastprofessur an Foersters Labor erhielt. Seit Studienzeiten begeisterter Spengler-Leser, 1933 bei Eduard Spranger mit einer Arbeit über Hegel promoviert und dann als Assistent von Arnold Gehlen in die Arbeit der ,Leipziger Schule’ involviert, folgte der bekennende Preuße Günther 1939 seiner Frau ins Exil, zunächst nach Südafrika, schließlich in die USA. Im großen Fluss intellektueller Geister von Europa in die Staaten verschlug es den Geistesphilosophen zunächst für einige Jahre als Dozent an die Logik-Abteilung mathematischer Institute, auf verschiedene Stipendien, die er so unterschiedlichen Förderern wie Bloch, Gödel und eben jenem McCulloch zu verdanken hatte.

In unserem Beitrag möchten wir uns der Frage widmen, wie sich der Bogen zwischen Geistesphilosophie und der Reflexion kybernetischer Maschinenträume erfassen lässt. Dabei wollen wir in einem ersten Schritt untersuchen, auf welche Weise Günther kybernetische mit philosophischen Denkfiguren verknüpfte (vor allem: die Idee einer neuen Logik als trans-klassische und poly-kontextuale Logik mit der Modellierung von ‚Denkmaschinen‘). Zweitens möchten wir den institutionengeschichtlichen Kontext dieser epistemischen Verschaltung näher in den Blick nehmen: Das BCL stellt sich aus der Perspektive des Denkens Gotthard Günthers als Faszinationsort dar, an dem die Idee einer neuen logischen Basis des Denkens in technologische Strukturen gegossen zu werden versprach. Auf der anderen Seite ließen sich die Mitarbeiter, Professoren und Forschungsmittelgeber des BCL von dem ‚exotischen’ Profil Günthers als Kontinentalphilosoph mit kybernetischem Grundwissen faszinieren. Von was für einem Ort sprechen wir, wenn wir die Relation BCL–Günther betrachten? Welche epistemische Erwartungs- und Projektionsstruktur ergibt sich hier? Drittens möchten wir in unserem Vortrag ausloten, inwiefern wissenschaftshistorische und ideen- bzw. philosophiegeschichtliche Zugänge voneinander profitieren können, um den spezifischen Ort des Denkens Günthers ‚unter Kybernetikern’ in den Blick zu nehmen.


Herman Schmalenbach (TH Hannover) und Willy Moog (TH Braunschweig): Zwei Philosophenleben der NS-Zeit zwischen Institutionalisierung, Abgrenzung und Ausstieg

Prof. Dr. Nicole C. Karafyllis
Seminar für Philosophie
TU Braunschweig

 

Die Philosophen Willy Moog (1888-1935) und Herman Schmalenbach (1885-1950) kannten sich seit der hessischen Schulzeit. In den 1920er Jahren lehrten beide als Professoren im heutigen Niedersachsen, u.a. an den Technischen Hochschulen in Braunschweig und Hannover, wo sie dem Fach Philosophie zu seiner Institutionalisierung verhalfen. Ihre Namen sind heute weitgehend vergessen, weshalb ihr Leben und Werk aufgrund aktueller Rechercheergebnisse vorgestellt werden soll. Dabei wird das Vergessen im Rahmen der Philosophiegeschichte als systematische Frage aufgegriffen.

Die politischen Transformationen von der Kaiserzeit über die Teilnahme am Ersten Weltkrieg bis in die NS-Zeit stellten sich den Philosophen nicht nur als philosophische, sondern auch als persönliche Herausforderungen. Nach elf Jahren engagierter Tätigkeit ertränkte sich Willy Moog am 24. Oktober 1935 in Braunschweig in der Oker, Herman Schmalenbach wechselte 1931 nach Basel. Wozu haben sie gelehrt und geschrieben? Was haben sie für das Fach Philosophie und für dessen Inhalte als dringliche Aufgaben erachtet? Im Mittelpunkt stehen die Biographien zweier philosophischer Persönlichkeiten, die versucht haben, zwischen den Extremen ihrer Zeit zu vermitteln und für Orientierung zu sorgen.


Philosophie für Ingenieure? Technikwissenschaften für Philosophen!

Prof. em. Dr. Klaus Kornwachs
BTU Cottbus

 

Es gehört zu den Einsichten der 80er und 90er Jahre, dass es den Studierenden der MINT-Fächer eine gewisse Kompetenzerweiterung darstelle, wenn sie im Rahmen eines fachübergreifenden Studienangebots die Fragestellungen der Geistes- und Sozialwissenschaften wenigstens in einem gewissen Umfange kennenlernen könnten. Die damaligen Empfehlungen des VDI gingen in diese Richtung, allerdings wurde der geforderte Umfang an keiner Technische Universität wirklich umgesetzt, die BTU Cottbus war mit 12 scheinpflichtigen Semesterwochenstunden (ohne Angebote zu sog. berufsbegleitenden Fertigkeiten) ab 1992 Vorreiter gewesen.

Die Erfahrungen zeigten allerdings, dass die zentrifugalen Kräfte durch die jeweiligen Fakultäten recht stark waren. Vergleichbare Erosionserscheinungen konnte der Autor auch an der Universität Ulm von 1985 an beobachten.

Philosophie an Technischen Universitäten zu lehren, bedarf einer anderen Darstellungsform als in einem rein geistes-, kultur- oder sozialwissenschaftlichen Umfeld. Man hat es mit drei Faktoren zu tun: Die Frage nach dem unmittelbaren Nutzen und der Relevanz, sich als MINT Studierende mit den dargebotenen Fragestellungen zu beschäftigen, die Frage nach der Kompetenz der an TUs Philosophie Lehrenden und schließlich die Reputation im eigenen Fach, der Philosophie.

Es scheint sich zu bestätigen: Interdisziplinarität wird allenthalben gefordert – mit der Einsicht begründet, dass uns die Probleme nicht den Gefallen tun, sich nach Fakultäts- und Fachgrenzen zu richten. Wer sie tatsächlich praktiziert oder zu institutionalisieren versucht, bekommt es mit einschneidenden Folgen, auch für seine eigene akademische Karriere, zu tun.

In meinem Vortrag möchte ich über einige Erfahrungen als Lehrender und Forschender an den Universitäten Stuttgart, Ulm und Cottbus berichten. Aus diesen Erfahrungen ergab sich die Überlegung, dass es zwar wichtig ist, den zukünftigen Gestaltern der Technik klar zu machen, dass sie mit ihrer Arbeit unsere Lebenswelten mitgestalten und es vernünftig ist, sich mit den Grundlagen der – meist fraglos übernommenen – Menschenbilder auseinanderzusetzen. Denn es geht hier um die Frage: Brauchen wir die Technik, die wir haben, und haben wir die Technik, die wir brauchen, also darum, ob das, was ist, vernünftig ist, und ob es besser gestaltet werden kann. Aber es ist genau so wichtig, dass die Vertreter der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, d.h. also auch der Ökonomen und Juristen, eine Ahnung davon bekommen sollten, wie Technik unsere Leben verändert hat und verändern wird. Es geht also um die Technikwissenschaften für Philosophen! Dieses Konzept wurde im Studiengang „Kultur und Technik“ ab 2005 an der BTU Cottbus umgesetzt. Dass dabei die Technikwissenschaften als Disziplin, die wissenschaftstheoretisch kaum untersucht worden sind, in den Fokus gerieten, war nur konsequent. Ohne Philosophie wären die Technikwissenschaften nicht in der Lage, ihre eigene wissenschaftliche Grundlegung aufzuklären, aber ohne die Begegnung mit den Technikwissenschaften verbliebe ein philosophisch fundiertes Verständnis unserer Kultur und unserer heutigen Weise des Lebens auf hohem, spekulativem, aber praktisch nicht wirksamen Niveau.

Deshalb ist es zwar nach wie vor wichtig, dass die Philosophie als Fach wie auch personell sowohl in der Lehre wie auch in den Entwicklungslabors präsent ist – nicht nur als Korrekturfaktor sondern auch als Quelle von Ideen und Anregungen. Es ist aber genauso wichtig, dass die Philosophie (pars pro toto) sich der Sachhaltigkeit solcher Fragen stellt und sich mit den technischen Grundlagen als Bedingung der Möglichkeit unserer Kultur auseinandersetzt. Vor Ort geht das am besten.


Hermann Glockner an der TH Braunschweig: Biographische Spurensuche und die Frage nach der Technik

Stefan Lobenhofer, M.A.
Seminar für Philosophie
TU Braunschweig

 

Der heute fast vergessene Philosoph Hermann Glockner (1896-1979) hat von 1951 bis zu seiner Emeritierung 1964 an der damaligen TH Braunschweig gelehrt und geforscht. Er hat dort das Institut bzw. Seminar für Philosophie wiederaufgebaut, das drei Jahre nach dem Suizid seines Begründers Willy Moog im Jahr 1935 zugunsten der Baustatik abgewickelt worden war. In der Person Glockner vereint sich das Philosophieren in der Zeit des Nationalsozialismus mit der Phase des ‚Neuanfangs‘ in der jungen BRD auf ambivalente Weise.

Glockner, der in Erlangen bei Paul Hensel promoviert und sich in Heidelberg bei Heinrich Rickert habilitiert hat, ist in seiner Karriere vor allem als Hegel-Experte (u.a. Hg. der Hegel-Jubiläumsausgabe), Philosophiehistoriker und Ästhetik-Spezialist hervorgetreten. Von 1924 bis 1933 lehrte er in Heidelberg und wurde im November 1933 als ordentlicher Professor für Philosophie an die Universität Gießen berufen, und zwar als Nachfolger des aus politischen Gründen entlassenen Philosophiehistorikers Ernst von Aster, der drei Jahre später emigrierte. Dort hatte Glockner auch das Dekansamt inne. Er blieb bis zu ihrer Schließung zum Sommersemester 1945 an der Universität Gießen und versuchte nach dem Krieg dort auch wieder Fuß zu fassen. Dieses Vorhaben erwies sich nicht nur deswegen als schwierig, weil die Universität Gießen in die Justus-Liebig-Hochschule für Bodenkultur und Veterinärmedizin umgewandelt wurde, in der die Philosophie nur noch im Rahmen „Allgemeinbildender Lehraufträge“ gelehrt wurde, sondern auch, weil sich Glockner im Rahmen seiner Tätigkeit an der Universität der nationalsozialistischen Ideologie angedient hatte. Er selbst berichtet davon, dass seine Versuche, nach Kriegsende einen Lehrstuhl für Philosophie zu erhalten (u.a. in Tübingen und Erlangen), von verschiedener Seite aus, z.B. von Karl Jaspers und Ernst Hoffmann, vereitelt wurden. Erst im Jahr 1951 gelang es ihm schließlich, in Braunschweig die (zunächst) außerordentliche Professur für Philosophie anzutreten.

Im Vortrag soll das noch unerforschte Leben Glockners skizziert werden und im Zusammenhang mit der Frage erörtert werden, welche Rolle das Fach Philosophie an Technischen Hochschulen überhaupt einnehmen sollte und konnte. Der Fokus liegt hier auf der Nachkriegszeit.

Die Person Hermann Glockner eignet sich dafür recht gut: Denn ausgebildet und arbeitend an klassischen Universitäten (Erlangen, Heidelberg, Göttingen) drängt sich die Frage auf, wieso sich Glockner an einer Technische Hochschule beworben hat und - vor allem - wieso er, der zu traditionellen philosophischen Themen arbeitete, dann auch eingestellt wurde. War die TH Braunschweig für Glockner nur ein letzter Strohhalm, weil alle Versuche, an klassischen Universitäten einen Lehrstuhl zu erhalten, scheiterten? Oder gab es ein fachliches Interesse daran, mit Ingenieuren und Technikern zusammenzuarbeiten? Zur Beantwortung dieser Fragen soll der systematische Ort des Themas „Technik“ im Werk Glockners vor und während seiner Braunschweiger Zeit untersucht werden. Welche Rolle spielt die Technik als philosophisches Problem in seinem Werk? Hat sich Glockners Blick auf die Technik seit seinem Dienstantritt in Braunschweig verändert? Gibt es eine ehrliche Neugier an technikphilosophischen Fragen oder geschieht eine mögliche Annäherung aus rein strategischem Interesse? Dazu gehört schließlich auch die Frage, wie sich Glockner an der TH Braunschweig institutionell positioniert und verhalten hat.

Aus anderem Blickwinkel, nämlich aus Sicht der Hochschule gefragt: Sollte die Philosophie lediglich zur „intellektuellen Erbauung“ der Studierenden der Ingenieurswissenschaften dienen und zur Allgemeinbildung beitragen oder gab es das Vorhaben zur institutionellen und fachlichen Zusammenarbeit der Geistes- mit den Ingenieurs- und Naturwissenschaften? Welche Rolle spielte das Fach Philosophie im Rahmen der Ausbildung zum höheren Lehramt? Hier ist die institutionengeschichtliche Entwicklung des Fachs Philosophie an der TH Braunschweig nach 1945 zu berücksichtigen.


Die gesellschaftliche Funktion der Naturwissenschaften: Der Philosoph Peter Bulthaup an der (Technischen) Universität Hannover, 1975 - 2004

Fabian Ott, M.A.
Seminar für Philosophie
TU Braunschweig

 

Der Chemiker und Philosoph Peter Bulthaup forschte und lehrte 1975 – 2004 als ordentlicher Professor am Philosophischen Seminar Hannover, ist jedoch in der Philosophiegeschichtsschreibung noch fast unsichtbar geblieben. Er wurde am 13. Juli 1934 in Osnabrück geboren und studierte in Göttingen und Frankfurt primär Physikalische Chemie (Promotion 1968 bei Hermann Hartmann), zusätzlich aber auch Philosophie und Soziologie (ab den späten 50er Jahren bei Horkheimer und Adorno). Nachdem er 1973 ein Jahr an der Technischen Hochschule Darmstadt die Professur für Didaktik der Naturwissenschaften innehatte, erhielt er 1974 den Ruf nach Hannover und blieb bis zu seiner Pensionierung 1999 bis ein Jahr vor seinem Tod am 29.10.2004 als Hochschullehrer erhalten. Mit seinem radikalen Anspruch, die Verbindung von Wahrheit und Wissenschaftlichkeit aufrechtzuerhalten, welche er als Schüler Adornos und Horkheimers nur in kritisch-negativem Bezug auf die gesamtgesellschaftliche Struktur für haltbar bestimmte, fand er sich in gewisser Weise in Hannover isoliert. Die TU Hannover hatte zu der Zeit zwar ein paar Dozenten, die den Geist Kritischer Theorie geatmet hatten (bspw. Oskar Negt, der auch am Berufungsverfahren Bulthaups beteiligt war), allerdings ist beim jetzigen Stand der Forschung nicht davon auszugehen, dass die TU Hannover als Keimzelle gesellschaftskritischer Diskurse mit der Universität Frankfurt vergleichbar gewesen wäre.

Neben jener situationalen Randposition hat sich Bulthaup sehr bewusst und aus philosophischer Überzeugung für eine disziplinäre Randposition entschieden, indem er »Die Gesellschaftliche Funktion der Naturwissenschaften« (1973) kritisch zur Sprache brachte. Zur Zeit seiner Berufung war etwa eine dominante naturphilosophische Position die C.F. von Weizsäckers, der mit der Vorstellung einer »Einheit der Natur« (1971) auch eine Einheit der Naturwissenschaften begründen wollte. Dies steht symptomatisch für eine auch in der Wissenschaftstheorie zu konstatierende Entwicklung, in der Physiker-Philosophen den Ton angaben, nicht zuletzt auch Paul Feyerabend, wenn auch mit relativistischer Stoßrichtung.

Bulthaup steht damit in der Tradition aufklärerischen Denkens, welches sich, um aufklärerisch zu bleiben, bisweilen selbst auch gegen diese wenden muss: »Den Schuh, ein orthodoxer Schüler Adornos zu sein, ziehe ich mir gerne an; denn die orthe doxa, die richtige Meinung, von der unbegründeten bloßen Meinung zu unterscheiden, ist Aufgabe der Aufklärung.«

In einer kurzen Einführung soll der Philosoph Peter Bulthaup vorgestellt werden. Daran anschließend wird die Frage aufgeworfen, wie das Verhältnis seines philosophischen Denkens zu seiner Tätigkeit als Philosophieprofessor an einer Technischen Universität bestimmt werden kann und dabei werden exemplarisch einige zentrale Motive seiner Philosophie herausgestellt. Besonderes Augenmerk soll auf die Lehre Bulthaups gelegt werden; diese ist deswegen von Interesse, weil die meisten seiner verfassten Schriften nicht veröffentlicht, sondern als Archivalien des Peter Bulthaup-Archivs in Hannover in Gestalt von ausformulierten Vorlesungsmanuskripten vorliegen. Der Zusammenhang von naturwissenschaftlicher und geisteswissenschaftlicher Bildung sowie gesellschaftlichen Interessen hinter den Bildungsinstitutionen wie Bildungsinhalten ist ein Motiv seiner kritischen Auseinandersetzung mit dem Universitätsbetrieb seiner Zeit, wobei Bulthaup nicht spezifisch auf die Situation an Technischen Universitäten eingeht. In diesem Zusammenhang werden die Fragen thematisiert, (I) ob und inwiefern der institutionelle Umbruch der Technischen Universität Hannover 1978 zu einer Volluniversität sich auf Forschung und Lehre Peter Bulthaups auswirkten, (II) was sich aus der Beantwortung dieser Frage für Schlüsse ziehen lassen, (III) inwieweit sich technikphilosophische und wissenschaftstheoretische Aspekte des Philosophierens Bulthaups mit seiner Tätigkeit an einer solchen Institution in Verbindung bringen lassen und (IV), wie seine Ausbildung als Chemiker diese ebenfalls mitbestimmte.

Als Hypothese wird zugrundegelegt, dass Bulthaup zwar in der Tradition der Frankfurter Schule steht, jedoch mit der in dieser primär vorherrschenden pejorativen Konnotation von (natur-)wissenschaftlichem Denken sowie Technik bricht, ohne dabei dem positivistischen Denken zu verfallen.


Fritz Medicus und die ETH Zürich

PD Dr. Dr. Norman Sieroka
Departement Geistes-, Sozial- und Staatswissenschaften
ETH Zürich

 

Der Name Fritz Medicus, insofern er heute noch vertraut ist, ist dies wohl vor allem durch die Fichte- Editionen innerhalb der «Philosophischen Bibliothek» des Meiner Verlags. Denn bei diesen heisst es in vielen Fällen bis auf den heutigen Tag «auf der Grundlage der Ausgabe von Fritz Medicus». Und tatsächlich galt Medicus (1876-1956) als Hauptinitiator einer ganzen «Fichte-Renaissance» zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts im deutschsprachigen Raum – so zumindest behauptet es eines der einschlägigsten deutschsprachigen philosophisch-theologischen Lexika, das RGG, noch 1960.
Weniger bekannt dürfte demgegenüber sein, an welchem Ort und unter welchen besonderen (auch politischen) Gegebenheiten Medicus akademisch gewirkt hat. Nach dem Studium der Philosophie und Theologie in Jena, Kiel, Strassburg und Halle (u.a. bei Liebmann, Eucken, Riehl, Hensel, Windelband und Vaihinger) erhielt Medicus 1911 seinen ersten Ruf – und zwar an die Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich, an der er bis zu seiner Emeritierung 1946 lehrte und forschte.

Dieser biographisch-systematische Vortrag soll sich insbesondere folgender drei Fragen annehmen: Gab es bei Medicus bereits vor seiner Berufung an die ETH ein Interesse an philosophischen Fragestellungen aus dem Bereich der Natur- oder Ingenieurswissenschaften? Kam es während seiner Zeit an der ETH zu nennenswerten philosophischen Interaktionen mit Kollegen aus ebendiesen Einzelwissenschaften? Welches Ansehen genoss Medicus bei den Fachkollegen in Deutschland – galt der Weggang an eine Technische Hochschule in der Schweiz vielleicht sogar als doppeltes (akademisches wie auch geographisches) «Abstellgleis»?
Im Zuge dieses Vortragsproposals kann ich lediglich die allgemeine Stossrichtung der Antworten andeuten:

Die erste Frage ist klar mit «ja» zu beantworten. Spätestens seit seiner Promotion hatte sich Medicus mit philosophischen Fragestellungen im Grenzbereich zu den exakten Wissenschaften beschäftigt.
Seine Dissertation trägt den Titel «Kants transcendentale Aesthetik und die nichteuklidische Geometrie»; und später, ermuntert durch Riehl, arbeitet er beispielsweise zum Problem der Existenz mathematischer Gegenstände.
Auch die zweite Frage – diejenige nach der Interaktion mit ETH-Kollegen aus den Einzelwissenschaften – ist affirmativ zu beantworten. Hier sticht insbesondere der enge Kontakt mit Hermann Weyl, einem der bedeutendsten Mathematiker des vergangenen Jahrhunderts, hervor. So besucht Weyl immer wieder Vorlesungen von Medicus, man liest gemeinsam die Hauptschriften Fichtes und die Familien sind auch privat miteinander befreundet. Vor allem aber kommentieren und diskutieren sie miteinander eigene Bücher, Aufsätze und Aufsatzentwürfe. Wie Weyl explizit festhält, hätte er ohne Medicus’ Einfluss wohl nie seine «Philosophie der Mathematik und Naturwissenschaft» (1927) geschrieben. Umgekehrt enthält beispielsweise Medicus’ «Die Freiheit des Willens und ihre Grenzen» (1926) zahlreiche Verweise und Bezüge auf damals hochaktuelle Arbeiten und Gedanken Weyls zum physikalischen Materiebegriff und zur Rolle der Statistik in der Quantenmechanik.
Unter seinen philosophischen Fachkollegen – und damit komme ich zur dritten Frage – genoss Medicus hohes Ansehen. Das wird unter anderem belegt in seiner innerphilosophisch weitgefächerten Korrespondenz mit namhaften Zeitgenossen wie etwa Rickert, Bauch, Grisebach, Lask, Eucken und Husserl. Nennenswert ist zudem Medicus’ Herausgeberschaft der Reihe «Grundriss der philosophischen Wissenschaften» und die damit verbundene Interaktion mit Ernst Cassirer.
Medicus gab Cassirer die Anregung zu dessen «Die Philosophie der Aufklärung», die 1932 in ebendieser Reihe erscheint und die zugleich wichtige philosophische und politische Gemeinsamkeiten zwischen ihnen aufzeigt – inklusive der gemeinsamen Opposition gegen eine Heideggersche Fundamentalontologie.

Diese Opposition ist vor allem vor dem Hintergrund der politischen Entwicklungen in Deutschland zu sehen, die Medicus auch aus der Schweiz immer wachsam und mit viel Besorgnis verfolgte. Als Medicus 1911 an die ETH ging, spotteten einige seiner Kollegen bereits: «Der liebe Gott schickt den Medicus in die Schweiz, um ihn von seinem Demokratenwahn zu heilen». Geheilt wurde er allerdings nie. Vielmehr nimmt er 1935 die Schweizerische Staatsbürgerschaft an – ein Schritt, den er in einem Brief an Paul Tillich, seinen ehemaligen Schüler aus Hallenser Privatdozententagen, als eine Art«Konfessionswechsel» beschreibt, der nur dann zu entschuldigen sei, «wenn er schlechthin notwendig ist». Und spätestens 1935 ist er für Medicus eben notwendig.

Diese Haltung kann in direktem Anschluss gelesen werden an Medicus’ Fichte-Verständnis, dessen grosse Säulen die «Menschlichkeit» und ein gemeinsames, aber kulturell diversifiziertes, Europa sind. Damit steht Medicus im Gegensatz zur mehrheitlich deutschnationalen Fichte-Interpretation seiner Kollegen (z.B. Bruno Bauch und August Faust). Aber auch seine neue Wahlheimat unterzieht Medicus in den nachfolgenden Jahren des Zweiten Weltkriegs einer entsprechenden Kritik. Statt für eine «Menschlichkeit des Lebens» einzustehen, sei die Schweiz nunmehr «Brandbomben fabrizierend und den Geldgewinn nicht scheuend, den die Beteiligung an Munitionsexportgeschäften abwirft».
Bezeichnenderweise finden derartige Äusserungen Medicus’ zu dieser Zeit keinen Publikationsort. Unter seinen Studenten allerdings, die als angehende Ingenieure und Naturwissenschaftler zu solchen Geschäften eine Haltung entwickeln mussten, erwarb sich Medicus höchste Anerkennung, wie zahlreiche Zitate und Quellen belegen.


Alfred Baeumler (1887-1968) - vom "Habilitanden" an der TH Dresden zum Lehrstuhlinhaber für Politische Pädagogik und Philosophie an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin

Dr. Philipp Teichfischer
Geschichte, Ethik und Theorie der Medizin
Medizinische Fakultät
Universität Magdeburg

 

Der gebürtige Österreicher und später „naturalisierte“ Alfred Baeumler zählt zu den bekanntesten nationalsozialistischen Philosophen. Als Philosoph bekannt geworden ist Baeumler v.a. durch seine Arbeiten über Kant, Bachofen und Nietzsche. Als politischer Akteur kam ihm eine Schlüsselrolle im Amt Rosenberg/Bereich Wissenschaft zu, wo Baeumler Zensurpolitik betrieb.

Weniger bekannt ist, dass Baeumler nach seiner Promotion bei dem in München lehrenden Wilhelm Wundt-Schüler Oswald Külpe, zunächst an die TH Dresden ging, nachdem er sich erfolglos bei Max Dessoir in Berlin zu habilitieren versuchte. In Dresden saß seit 1923 mit Gustav Kafka ein weiterer Wundt-Schüler auf dem Lehrstuhl für Philosophie und Psychologie. Nachdem Baeumler im Mai 1824 als Kandidat Kafkas mit einer Arbeit über das Irrationalitätsproblem bei Kant habilitiert wurde, zerschlugen sich seine Hoffnungen, eine Assistentenstelle an Kafkas Lehrstuhl zu bekommen, sodass er zunächst als Privatdozent am philosophisch-pädagogischen Seminar und später dann (ab Juli 1825) als offiziell angestellte Lehrkraft („Studienrat“) am pädagogischen Institut wirkte. Hier unterrichtete Baeumler v.a. Lehramtskandidaten, nachdem die Lehrerausbildung in Sachsen per Beschluss aus dem Frühjahr 1922 an die Hochschulen verlagert worden war. Baeumler hielt zunächst Vorlesungen über Philosophie ab und bot dazu Übungen an.

Baeumler, der die Habilitationsverweigerung an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin als Schmach empfunden hatte und die Habilitation an der TH Dresden nur als Notlösung betrachtete, politisierte sich im Laufe der zweiten Hälfte der 1920er Jahre zunehmend, was nicht zuletzt Ausdruck in seiner Philosophie fand. Hoffnungen auf eine Berufung an eine klassische Universität erfüllten sich nicht, dafür erhielt Baeumler nach dem Weggang von Richard Kroner, der einem Ruf nach Kiel folgte, am 1. April 1929 einen Ruf zum ordentlichen Professor für Philosophie und Pädagogik an der TH Dresden. Von nun an gewinnt Baeumlers Hochschulkarriere auch im Zuge der Veränderung der politischen Verhältnisse in Sachsen an Fahrt. Bereits am 1. Juni gründet Baeumler in Dresden eine Ortsgruppe der Deutschen Philosophischen Gesellschaft, in der sich vor allem Philosophen organisieren, die im Anschluss an das Gründungsdiktat von Bruno Bauch den antijüdischen und nationaltypischen Charakter deutscher Philosophie betonen. Im Winter 1930/31 lädt Baeumler dann Hitler zu einem Vortrag nach Dresden ein, der allerdings nicht zustande kommt. Im März 1931 trifft Baeumler zum ersten Mal Hitler zu einer einstündigen Unterredung im Braunen Haus in München. Im Frühjahr 1933 erhält Baeumler schließlich den lang ersehnten Ruf auf einen Lehrstuhl an einer „richtigen“ Universität – auf den eigens für ihn geschaffenen Lehrstuhl für Politische Pädagogik und Philosophie in Berlin.

Im geplanten Beitrag soll Baeumlers Wirken und Schaffen an der TH Dresden sowohl im biographischen Kontext als auch im Kontext der damaligen Hochschulentwicklung in Dresden dargestellt werden. Dabei wird auch ein Blick auf die politische Entwicklung in Sachsen und Baeumlers Rolle als Unterstützer einer zunehmend nationalsozialistischen Gesinnung geworfen.


Philosophie als Kulturpraxis und Ingenieurwesen als Institution: Carl Weihe, die TH Darmstadt und die Zeitschrift des Verbandes Deutscher Diplom-Ingenieure, 1909 bis 1934

Dr. Adelheid Voskuhl
Department of History and Sociology of Science
University of Pennsylvania

 

Als Beitrag zur Tagung „Philosophie und Philosophen an Technischen Hochschulen“ schlage ich einen Vortrag über Carl Weihe vor, der Patentanwalt in Frankfurt und in den 1920er und 1930er Jahren Lehrbeauftragter an der TH Darmstadt war. Im Vergleich zu anderen Figuren in der Technikphilosophie dieser Zeit ist uns über Weihe als Person und über sein Leben und seine Arbeit wenig bekannt. Er spielt aber in der Geschichte der Technikphilosophie eine wichtige Rolle, vor allem durch seine Arbeit von 1921 bis 1928 als Schriftführer der Zeitschrift des Verbandes Deutscher Diplom-Ingenieure (VDDI). Er gab der Zeitschrift auch ihren Namen: Technik & Kultur. Arbeiten von Burkhard Dietz, Kees Gispen, Stefan Willeke, Tobias Sander und anderen zeugen von dieser Rolle.

Weihe war nie ordentlicher Professor für Philosophie an einer Universität oder Hochschule, trug aber entscheidend dazu bei, neue Verbindungen zwischen der Institution Hochschule (traditionelle und Technische) und der Institution Ingenieurwesen aufzubauen, und zwar dadurch, dass er die Philosophie als Medium nutzte. Er tat dies zudem in der wichtigen Zeit der sogenannten Zweiten Industriellen Revolution, in der Ingenieure versuchten, sich als neue Berufsgruppe und auch als neue politische und kulturelle Elite zu etablieren, die sich auf Augenhöhe mit traditionellen akademischen Eliten befand, vor allem dem Bildungsbürgertum.

Weihes Arbeit und Rolle kann daher als eine wichtige Episode in der Sozialgeschichte der Technik- und Ingenieursphilosophie aufgefasst werden, die in diesem Fall sowohl an Technischen Hochschulen also auch in der Verbandsarbeit von Ingenieuren stattfand. Die Überschneidung dieser beiden Institutionen ist ein besonders hilfreiches Fenster, durch das wir bis dahin nicht existierende Engführungen von Philosophie und Technik erkennen können.

Das Augenmerk meines Vortrags wird darauf liegen, Weihes Verständnis von Philosophie und Technikphilosophie in dieser Sozial- und Institutionengeschichte nachzuzeichnen. Es lässt sich vor allem in seinen Beiträgen zur Lehre an der TH Darmstadt (z. B. in seiner Antrittsvorlesung) wie auch in der Zeitschrift des VDDI finden, für die er zwischen 1909 und 1934 als Autor und von 1921 bis 1928 zusätzlich als Schriftführer tätig war. Vor allem während seiner Zeit als Schriftführer nutzte Weihe die Zeitschrift des VDDI für sein Projekt, das Betreiben von Philosophie als Möglichkeit für sozialen Aufstieg und Statusverbesserung von Ingenieuren zu definieren. Er vermittelte dieses Projekt auch in seiner Lehre in Darmstadt. Weihe glaubte, dass Ingenieure dann eine den traditionellen kulturellen Eliten gleichgestellte Statusgruppe werden könnten, wenn sie Technik zu einem Gegenstand der Philosophie machten. Den Versuch, diesen Prozess in Gang zu bringen, kann man anhand Weihes Arbeit an der TH Darmstadt und in der Zeitschrift Technik & Kultur nachvollziehen.

Für Weihe war die Philosophie ein Lehrfach und Teil der Ausbildung von Ingenieuren an Technischen Hochschulen, die ihnen mit dem Abschluss Glaubwürdigkeit in der gebildeten Öffentlichkeit geben sollte. Die Philosophie war für ihn aber auch eine lebenslang zu betreibende Kulturtechnik, der Ingenieure nachgingen, um eine nachhaltige Gleichwertigkeit ihres Berufsstandes mit dem traditionellen Bildungs- und Honoratiorenbürgertum zu erreichen. Weihe warf traditionellen Eliten (zum großen Teil berechtigterweise) vor, dass sie Ingenieuren diese Gleichberechtigung verweigerten.

Weihe schrieb nicht nur selbst zahlreiche Artikel zur Philosophie und zu Philosophen für seine Zeitschrift. Es gelang ihm auch, Autoren für seine Zeitschrift zu gewinnen, die zu Themen wie Staatstheorie, Ökonomie, Ethik und Kunst- und Architekturtheorie Aufsätze schrieben. Solche Autoren unterrichteten an Technischen Hochschulen in Berlin, Braunschweig und Karlsruhe. Ihre Texte teilten oft charakteristische Merkmale. In manchen wurde zum Beispiel die Arbeit eines einzelnen bekannten Philosophen (wie Arthur Schopenhauer) in Bezug gesetzt zu typischen Ingenieurtätigkeiten wie Zeichnen, Entwerfen, Bauen und Vorstellen, um deren philosophische Relevanz nachzuweisen. Es wurden auch größere philosophische Denkschulen (zum Beispiel die Erkenntnistheorie des Deutschen Idealismus) mit Methoden der Ingenieurwissenschaften abgeglichen, häufig mit der Absicht, Ingenieuren systematischen Skeptizismus in Bezug auf ihre eigene Erkenntnis nahezulegen. Und die Engführung von Philosophieren und Ingenieurwesen wurde auch genutzt, um den sozialen Status von Ingenieuren aufzuwerten. In solchen Fällen wurden politische und Gesellschaftstheorien (zum Beispiel die von Johann Gottlieb Fichte) genutzt, in denen Gelehrten und Staatsbeamten eine gewichtige Funktion im Gesellschaftsvertrag zugewiesen wurde: und solche Entwürfe konnten dann einen Ort und eine Rolle für Ingenieure in der Gesellschaft definieren.

Eine Untersuchung der Rolle von Philosophie in der Sozial- und Institutionengeschichte des Ingenieurwesens anhand dieses Beispiels soll helfen, die Rolle von Technischen Hochschulen als Institutionen in Bezug auf das Ingenieurwesen als Institution und die Inhalte von philosophischer Arbeit schärfer zu definieren.