Kommunale Kulturpolitik in den westdeutschen Industriestädten Gelsenkirchen und Wolfsburg während der ,Wirtschaftswunderzeit‘

Bearbeiter: Fabian Köster, MA

Einweihung der Städtischen Bühnen Gelsenkirchen am 15. Dezember 1959
Bildnachweis: Presseamt Gelsenkirchen, Foto von Ernst Knorr, ISG, FS I 12699/Presseamt Gelsenkirchen, Foto von Ernst Knorr, ISG, FS I 12699
Einweihung der Städtischen Bühnen Gelsenkirchen am 15. Dezember 1959

In seinem Promotionsprojekt untersucht Fabian Köster die kommunale Kulturpolitik in den westdeutschen Industriestädten Wolfsburg und Gelsenkirchen vergleichend in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik. Beide Städte forcierten – auch im Zuge der Demokratisierung – eine Imagepolitik, die die gängigen Vorstellungen von ,Autostadt‘ beziehungsweise ,Stadt der tausend Feuer‘ aufbrechen sollte. Der Emanzipationsprozess von diesen singulären Zuschreibungen richtete sich über ein modernes Kulturangebot sowohl nach innen als auch nach außen: Neben der Weiterbildung, Wertschätzung und Bindung der eigenen, überwiegend arbeitenden Bevölkerung setzten die Städte bewusste Distinktionsmerkmale gegenüber den traditionellen Kulturzentren wie Braunschweig oder Dortmund und Essen. Während bundesweit und auch in anderen Industriestädten kulturell zumeist ein „Zurücktasten zum Vertrauten“ (Anselm Doering-Manteuffel) erfolgte, lässt sich bei den Untersuchungsobjekten eine Zuwendung zur progressiven Kunst und Kultur identifizieren, die jeweils in einem Sonderstatus begründet liegt:
Für Wolfsburg, 1938 als „Stadt des KDF-Wagens bei Fallersleben“ von den Nationalsozialisten gegründet, schien eine ,Neuerfindung‘ und vor allem die Abgrenzung zur eigenen, kurzen Tradition alternativlos.
Gelsenkirchen wurde wiederum erst Mitte des 19. Jahrhunderts zur Industriestadt, die lange Zeit der Kohle ,hinterher wanderte‘ und somit kein richtiges Zentrum besaß.
Das Tempo der Wirtschaftsentwicklung verhinderte kulturelle Beständigkeit. Jene vermeintliche Traditionslosigkeit wurde jeweils im Kontext eines innovativen Projektes in das Narrativ der jungen, modernen Stadt umgedeutet:
Bei der Eröffnung des Gelsenkirchener Theaterneubaus 1959, der ,Kunst am Bau‘, progressives Design und Industrieproduktion miteinander verknüpft, sprach die Kulturpolitikerin Elisabeth Nettebeck von der „Gnade des Anfangs“. In Wolfsburg wurde im gleichen Jahr der Kunstpreis Junge Stadt sieht Junge Kunst ins Leben gerufen, um aufstrebende Kunstschaffende aus Niedersachsen, Berlin und jeweils einem dritten Bundesland an die Stadt zu binden.
Zur Förderung der im Kontext kontroversen gegenstandslosen Kunst konstatierte Oberbürgermeister Uwe-Jens Nissen, Wolfsburg sei eine „Stadt ohne Tradition, die sich auch äußerlich bemüht, ein modernes Gesicht zu zeigen“.
Es gilt zu untersuchen, wie modern, demokratisch und gesellschaftspolitisch der jeweils inszenierte ,Neustart‘ umgesetzt und interpretiert wurde. Beide Städte sind fast völlig voraussetzungslos in unterschiedlichen Zeitschichten der Industrialisierung entstanden und besitzen verschiedene Traditionen und historisch gewachsene Bürden. Weiterhin deuten die jeweils dominanten Industrien in ihren eigenen Erfolgs- wie Misserfolgsgeschichten die weiteren Entwicklungslinien bereits an. Hierbei stellt sich darüber hinaus die Frage, ob und wie Kulturpolitik und kulturelle Stadtwerdung diese Entwicklungen spiegeln oder sogar aufbrechen. Während insbesondere in Wolfsburg und Gelsenkirchen die progressiven kulturellen Elemente von der restaurativen Erfolgsgeschichte des ,Wirtschaftswunders‘ bei- oder untergeordnet werden, offenbart sich möglicherweise genau in diesen Städten – bisher weitgehend unbeachtet – eine Geschichte der Moderne, die sich als spezifische, bisweilen radikale Form der Westernisierung lesen lässt.

Zur Person

Fabian Köster studierte Geschichte, Germanistik und Kulturpoetik der Literatur und Medien in Münster, wo er nach seinem Studium als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Teilprojekt „Entscheiden im politischen System der Bundesrepublik Deutschland“ am Sonderforschungsbereich „Kulturen des Entscheidens“ tätig war. Zurzeit promoviert er an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster zum Thema „Kommunale Kulturpolitik in den westdeutschen Industriestädten Gelsenkirchen und Wolfsburg während der ,Wirtschaftswunderzeit‘“.
Fabian Köster ist seit Oktober 2019 Stipendiat des Instituts für Braunschweigische Regionalgeschichte.

Kontakt: fabian.koester[at]uni-muenster.de

Interview Fabian Köster
Bildnachweis: Stadtarchiv Wolfsburg/Stadtarchiv Wolfsburg. Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte 16 (2020)

Fabian Köster im Interview

Kulturpolitische Emanzipationsprozesse in den Wirtschaftswunderjahren Ein Forschungsprojekt zu den Industriestädten Gelsenkirchen und Wolfsburg

Fabian Köster im Interview mit Alexander Kraus.

Link zum PdF des Artikels.

Aus: Das Archiv. Zeitung für Wolfsburger Stadtgeschichte 16 (2020), S. 5-7.