Nachhaltigkeitskompetenzen sind Fähigkeiten, die Menschen befähigen, ökologische, soziale und wirtschaftliche Herausforderungen zu verstehen und aktiv an nachhaltigen Lösungen mitzuwirken. Es geht also nicht nur um Wissen über Klimawandel oder Umweltprobleme, sondern auch um Denken, Handeln und Werte. Typische Elemente solcher Kompetenzen sind zum Beispiel:
Es existieren mehrere anerkannte Modelle, die Nachhaltigkeitskompetenzen unterschiedlich strukturieren. Die wichtigsten sind im Folgenden aufgeführt.
Ein sehr verbreitetes Kompetenzmodell stammt von der United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization (UNESCO).
Im Rahmen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) definiert die UNESCO zentrale Schlüsselkompetenzen, die Menschen befähigen sollen, nachhaltige Entwicklung aktiv mitzugestalten. Dazu zählen unter anderem systemisches Denken, Antizipationskompetenz, normative Kompetenz, strategische Kompetenz, Kollaborationskompetenz, kritisches Denken, Selbstkompetenz sowie integrierte Problemlösekompetenz. Das Modell verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz und verbindet kognitive, soziale und handlungsorientierte Fähigkeiten miteinander.
Ziel ist es, Lernende dazu zu befähigen, komplexe globale Herausforderungen zu verstehen, verantwortungsvoll zu handeln und gesellschaftliche Transformationsprozesse aktiv mitzugestalten. Damit ist das UNESCO-Modell stark im Konzept der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) verankert und bildet eine wichtige Grundlage vieler internationaler Bildungsstrategien im Nachhaltigkeitskontext.
Das Kompetenzmodell von Wiek et al. (2011, 2016) zählt zu den einflussreichsten Rahmenwerken der Nachhaltigkeitsbildung im Hochschulkontext. Es beschreibt zentrale „Key Competencies“ für die Bearbeitung komplexer Nachhaltigkeitsprobleme und stellt damit einen praxisorientierten Ansatz für die Hochschullehre dar. Im Zentrum des Modells stehen fünf miteinander verbundene Kompetenzen:
Systemdenken (Systems Thinking): komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen verstehen
Zukunfts- und Vorausschaukompetenz (Futures/Anticipatory Thinking): mögliche Zukünfte analysieren und bewerten
Wertekompetenz (Normative/Values Thinking): Ziele, Werte und Nachhaltigkeitsvorstellungen reflektieren
Strategiekompetenz (Strategic Thinking): Lösungen entwickeln und in konkrete Handlungsstrategien überführen
Kooperationskompetenz (Interpersonal Competence): Zusammenarbeit in inter- und transdisziplinären Kontexten gestalten
Das Modell von Wiek et al. sowie seine Weiterentwicklung durch Brundiers et al. ist vor allem als analytisch-praktischer Kompetenzrahmen für die Hochschulbildung konzipiert. Es ist damit besonders eng auf die Bearbeitung konkreter, oft komplexer Nachhaltigkeitsprobleme in Studium und Forschung zugeschnitten.
Im Unterschied dazu verfolgen UNESCO-Kompetenzmodelle einen stärker global-normativen und bildungssystemischen Ansatz. Sie verstehen Nachhaltigkeitskompetenzen als Querschnitt über alle Bildungsbereiche hinweg und orientieren sich stärker an übergeordneten bildungspolitischen Zielen, insbesondere der Umsetzung der Sustainable Development Goals (SDGs).
Quelle:
Wiek, A., Withycombe, L., & Redman, C. L. (2011). Key competencies in sustainability: A reference framework for academic program development. Sustainability Science, 6(2), 203–218.
doi.org/10.1007/s11625-011-0132-6
Brundiers und Kolleg*innen knüpfen an das Kompetenzmodell von Wiek et al. an und entwickeln dieses zu einem erweiterten Rahmen weiter, der stärker auf gesellschaftliche Transformationsprozesse und die praktische Umsetzung nachhaltiger Lösungen ausgerichtet ist. Im Zentrum stehen dabei insbesondere zwei zusätzliche Kompetenzbereiche:
Intrapersonale Kompetenz (Intrapersonal Competence): die Fähigkeit zur Selbstreflexion, Motivation, Resilienz sowie zum bewussten Umgang mit persönlichen Grenzen im Nachhaltigkeitskontext
Umsetzungs- bzw. Implementierungskompetenz (Implementation Competence): die Fähigkeit, entwickelte Lösungsansätze praktisch umzusetzen und in reale Kontexte zu übertragen
Dadurch entsteht ein erweitertes Verständnis von Nachhaltigkeitskompetenz als Zusammenspiel von Analyse-, Gestaltungs- und Umsetzungsfähigkeiten. Darüber hinaus betonen Brundiers et al. stärker die Verbindung individueller, sozialer und systemischer Kompetenzen sowie die Bedeutung von Werteorientierung als übergreifende Leitdimension. Ebenso rücken reale Transformationsprozesse – etwa in Reallaboren oder transdisziplinären Projekten – stärker in den Fokus nachhaltigkeitsorientierter Hochschulbildung.
Quelle:
Brundiers, K., Barth, M., Cebrián, G., Cohen, M., Diaz, L., Doucette-Remington, S., Dripps, W., Habron, G., Harré, N., Jarchow, M., Losch, K., Michel, J., Mochizuki, Y., Rieckmann, M., Parnell, R., Walker, P., & Zint, M. (2021). Key competencies in sustainability in higher education—toward an agreed-upon reference framework. Sustainability Science, 16(1), 13–29. doi.org/10.1007/s11625-020-00838-2
A Rounder Sense of Purpose (RSP) ist ein europäisches Erasmus+-Projekt, das einen Kompetenzrahmen für Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) entwickelt hat. Ziel ist es, Lehrende und pädagogische Fachkräfte dabei zu unterstützen, Lernende auf eine gerechtere und nachhaltigere Zukunft vorzubereiten.
Das Modell wurde speziell für Bildungsprozesse und Lehrende entwickelt und verfolgt einen stärker ganzheitlichen und pädagogisch-transformativen Ansatz. Neben kognitiven Fähigkeiten betont es auch Werte, Haltung, Empathie, Reflexivität, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein, um nachhaltiges Denken und Handeln umfassend zu fördern. Während Kompetenzmodelle von Wiek, Brundiers et al. vor allem fragen, welche Kompetenzen für effektive Nachhaltigkeitslösungen nötig sind, richtet sich RSP stärker darauf, wie Bildung Menschen und Kulturen nachhaltig transformieren kann. Im Zentrum steht ein praxisorientierter Ansatz mit zwölf zentralen Kompetenzen, die nachhaltigkeitsbezogenes Lehren und Lernen in allen Bildungsbereichen stärken sollen.
Die Inner Development Goals (IDGs) ergänzen die bisher beschrieben Ansätze, indem sie den Fokus noch stärker auf die innere Entwicklung des Menschen legen. Initiiert wurde das Modell maßgeblich von der schwedischen Non-Profit-Organisation Inner Development Goals Foundation mit dem Ziel, die Umsetzung der United Nations-Nachhaltigkeitsziele (SDGs) durch die Förderung innerer Fähigkeiten zu unterstützen. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass gesellschaftliche Transformation und die Erreichung der Nachhaltigkeitsziele nicht allein durch fachliche Kompetenzen oder strukturelle Veränderungen möglich sind, sondern auch persönliche Fähigkeiten wie Selbstreflexion, Achtsamkeit, Empathie, Beziehungsfähigkeit, Mut und kooperatives Handeln erfordern.
Die IDGs gliedern sich in fünf Dimensionen:
Sie verbinden damit individuelle Entwicklung mit gesellschaftlicher Veränderung. Im Unterschied zu Wiek und Brundiers, die stärker auf Nachhaltigkeitskompetenzen zur Problemlösung fokussieren, sowie zum pädagogisch orientierten RSP-Modell, stellen die IDGs insbesondere die persönliche und emotionale Reifung als Voraussetzung für nachhaltiges Handeln und transformative Prozesse in den Mittelpunkt.
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