Wie erzeugt gebauter Raum Hierarchie, und wie lässt sich eine architektonische These über das Verhältnis von Bühne und Publikum entwurflich einlösen?
Das Verhältnis von Bühnen- und Zuschauerraum beruht in den meisten bestehenden Theaterbauten auf einer klaren räumlichen und dramaturgisch aufgeladenen Trennung. Die Geschichte des Theaterbaus ist eine Geschichte des Ringens um genau diese Grenze: wo sie sitzt, was sie leistet, wer sie zieht. Ob Wagner in Bayreuth den Graben vertieft, Gropius und Piscator das Verhältnis mechanisch invertierbar machen oder Grotowski es gänzlich auflöst: jede dieser Positionen ist zuerst eine räumliche Entscheidung, dann eine ästhetische. Architektur entscheidet, wer sieht und wer gesehen wird.
Ausgehend von einer vertiefenden Auseinandersetzung mit der historischen und räumlichen Entwicklung des Theaterbaus, der Szenografie und dem Verhältnis zwischen ZuschauerInnen und SchauspielerInnen soll eine starke, eigenständige Position zur Frage entwickelt werden: wie Architektur diese Grenze setzt, und was sie damit entscheidet. Auch aktuelle Entwicklungen der Immersion wie etwa die Auflösung der Grenze zwischen Erleben und Beobachten, die Aktivierung des Körpers im Raum und die Frage nach Autorschaft und Kontrolle über die räumliche Erfahrung können Gegenstand der Untersuchung sein.
Der Entwurf setzt an der entwickelten Position an und übersetzt sie in einen oder mehrere Untersuchungsgegenstände. In welcher räumlichen Form, in welchem Maßstab und mit welcher Tiefe der Durcharbeitung dies geschieht, ergibt sich aus der Position selbst. Die Bühne ist dabei das schärfste Modell einer Grundkonstellation, die sich in Gerichtssaal, Parlament, Hörsaal und öffentlichem Platz gleichermassen wiederholt. Die gewonnene Entwurfshaltung ist deshalb kein theaterspezifischer Sonderfall, sondern ein Beitrag zum Architekturdiskurs über Teilhabe, Blick und räumliche Macht.
Die Thesis verzichtet bewusst auf einen physischen Ort und ein vollständiges Raumprogramm. Der Kontext ist nicht ein Grundstück, sondern eine Fragestellung, und deren historische, räumliche und gesellschaftliche Schichten. Was an Konventionen wegfällt, verlangt umso mehr an räumlicher Präzision und materieller Ernsthaftigkeit. Die eigene Position zu entwickeln, kritisch zu schärfen und architektonisch einzulösen, auch konstruktiv, auch im Maßstab, ist Kern der Abschlussarbeit.
Der Fokus liegt auf dem künstlerisch-gestalterischen Erkenntnisprozess. Durch Modelle, Zeichnungen und Installationen wird eine genuin eigene architektonische Position zum Verhältnis von Bühne und Zuschauerraum entwickelt, geschärft und vermittelt.
Prüfer:
Prof. Fahim Mohammadi
Zweitprüfer:
Prof. Job Floris
Betreuende:
Jan Pingel,
Amir Touhidi
Bearbeitungsform:
Einzelarbeit
Ausgabe der Aufgabe:
14.04.2026, 12:00 Uhr am IMDR
Entwurfsexkursion:
28.4. bis 30.4.2026 nach München
und Nürnberg
Kolloquien:
20.5.2026, 17.6.2026, 13.7.2026 (tbc)
Kolloquium 1: Frage und Forschung
Welche These zur Dualität von Bühne und Zuschauerraum wird entwickelt und wie wird sie räumlich prüfbar?
Kolloquium 2: Modell und These
Das Modell als Denkmedium und Ergebnis zugleich: Wie übersetzt sich die Position in ein räumliches Gefüge? Was hält es zusammen, was bleibt unentschieden?
Kolloquium 3: Argument und Darstellung
Aus dem Erkenntnisprozess wird Teilhabe: Modell und Zeichnung als Vermittlungsmedien der eigenen Position.
Feedbackgespräche:
2 Feedbackgespräche können individuell vereinbart werden.
Abgabe & Präsentation: siehe Hinweise zur Masterthesis über das Department Architektur
Abbildung:
„In den Zelten“ von Julian Busch
Englischer Titel: FACE TO FACE?! The Reciprocal Relationship between Stage and Auditorium as an Architectural Problem
Englische Aufgabenstellung: siehe Download