Forschung mit Tieren

Das Altgebäude der TU Braunschweig

An der Technischen Universität Braunschweig erforschen wir grundlegende Prozesse des Gehirns, die für Lernen, Gedächtnis, Entwicklung und Erkrankungen des Nervensystems entscheidend sind. Dabei untersuchen wir insbesondere, wie Nervenzellen miteinander kommunizieren, wie Synapsen entstehen und verändert werden und welche Rolle Hirn-Immunsystemzellen wie Mikroglia und Astrozyten bei Entwicklungsstörungen, Entzündungen und neurodegenerativen Prozessen spielen.

Ein Teil dieser Fragen lässt sich mit Zellkulturen, Organoiden, Computersimulationen oder anderen Alternativmethoden bearbeiten. Andere Fragen betreffen jedoch das Zusammenspiel vieler Zelltypen, komplexer Hirnnetzwerke, Verhalten und Lernprozesse. Diese können derzeit nicht vollständig außerhalb eines lebenden Organismus untersucht werden. Deshalb sind Tierversuche in ausgewählten Projekten weiterhin notwendig.

Wir sind uns der besonderen Verantwortung bewusst, die mit Forschung an Tieren verbunden ist. Tierversuche werden bei uns nur durchgeführt, wenn sie wissenschaftlich begründet, rechtlich genehmigt und ethisch vertretbar sind. Unser Ziel ist es, die Zahl der Tiere so gering wie möglich zu halten, Belastungen konsequent zu minimieren und Alternativmethoden aktiv weiterzuentwickeln.

Dabei legen wir hohen Wert auf Transparenz und gehören zu den Unterzeichnenden der Initiative Transparente Tierversuche.


Warum wir an Tieren forschen

Viele Erkrankungen des Gehirns entstehen nicht in einzelnen Zellen, sondern im Zusammenspiel ganzer Netzwerke. Lernen, Gedächtnis, Verhalten, Entwicklungsverläufe und Entzündungsreaktionen des Gehirns beruhen auf der Interaktion von Nervenzellen, Synapsen, Blutgefäßen, Immunzellen und vielen weiteren Faktoren.

Unsere Forschung beschäftigt sich unter anderem mit schweren neuroentwicklungsbedingten Erkrankungen wie dem Fragilen-X-Syndrom und der CDKL5-Defizienz. Betroffene Kinder können früh epileptische Anfälle, Entwicklungsverzögerungen, Lern- und Gedächtnisstörungen sowie autistische Symptome entwickeln. Um solche Erkrankungen besser zu verstehen, untersuchen wir, wie sich Synapsen im Hippocampus verändern und wie diese Veränderungen mit Verhalten und Gedächtnisleistung zusammenhängen.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Neuroinflammation. Dabei geht es um die Frage, wie starke Immunreaktionen, zum Beispiel nach bakteriellen oder viralen Entzündungsreizen, das Gehirn beeinflussen. Wir untersuchen, wie Mikroglia und Astrozyten auf solche Reize reagieren, wie Synapsen dadurch verändert werden und ob daraus langfristig ein erhöhtes Risiko für neurodegenerative Erkrankungen entstehen kann.

Für viele dieser Fragen nutzen wir Zellkulturmodelle. Wenn jedoch Verhalten, Lernprozesse, Entwicklungszeitfenster oder die Funktion ganzer Hirnnetzwerke untersucht werden müssen, sind Tiermodelle derzeit noch unverzichtbar.

Forschung und Ergebnisse

Verantwortung und ethischer Umgang

Tierversuche berühren berechtigte ethische Fragen. Tiere sind empfindungsfähige Lebewesen, und jede Belastung muss sorgfältig begründet werden. Deshalb darf ein Tierversuch nur durchgeführt werden, wenn der erwartete Erkenntnisgewinn die Belastung rechtfertigt und keine geeignete Alternative zur Verfügung steht.

In unserer Forschung geht es um Erkrankungen, für die es bisher nur begrenzte Behandlungsmöglichkeiten gibt. Dazu zählen schwere Entwicklungsstörungen des Gehirns, entzündungsbedingte Veränderungen von Nervenzellen und synaptische Fehlfunktionen, die Lernen und Gedächtnis beeinträchtigen können. Ein besseres Verständnis dieser Prozesse ist eine Voraussetzung dafür, langfristig neue Therapieansätze entwickeln zu können.

Gleichzeitig bedeutet wissenschaftliche Notwendigkeit nicht, dass Tierversuche unkritisch eingesetzt werden dürfen. Jeder Versuch muss vorab genehmigt werden, die Belastung der Tiere wird begrenzt, und die Zahl der Tiere wird auf das notwendige Minimum reduziert. Moderne Bildgebung, elektrophysiologische Methoden und umfassende Auswertung einzelner Gewebeproben helfen uns, aus jedem Versuch möglichst viele Informationen zu gewinnen.

Unser Ziel ist nicht, Tierversuche dauerhaft beizubehalten, sondern sie dort zu ersetzen, wo es wissenschaftlich möglich ist. Bis dahin tragen wir Verantwortung dafür, dass notwendige Tierversuche mit größtmöglicher Sorgfalt, Transparenz und Achtung vor dem Tier durchgeführt werden.

Tierhaltung, Tierwohl und Belastungsminimierung

Unsere Tiere werden unter kontrollierten Bedingungen gehalten und regelmäßig durch qualifiziertes Personal sowie tierärztlich betreut. Die Haltung erfolgt nach den geltenden gesetzlichen Vorgaben und orientiert sich daran, Stress zu vermeiden und das Wohlbefinden der Tiere zu fördern.

Dazu gehören Gruppenhaltung, Rückzugsmöglichkeiten, Beschäftigungsmaterial und eine engmaschige Beobachtung. Die eigentlichen Experimente werden so geplant, dass Belastungen möglichst gering bleiben und nur so stark sind, wie wissenschaftlich unbedingt notwendig.

Schmerzhafte Eingriffe werden - wenn sie unvermeidbar sind - unter geeigneter Narkose und mit Schmerztherapie durchgeführt. Für jedes Projekt gibt es definierte Abbruchkriterien. Bei Anzeichen von Stress, Schmerz oder Krankheit werden festgelegte Maßnahmen ergriffen, bis hin zum vorzeitigen Beenden eines Experiments. Diese sogenannten Humanen Endpunkte dienen dazu, unnötiges Leiden zu verhindern.


Unsere 3R-Strategie: Replace, Reduce, Refine

Unsere Forschung orientiert sich konsequent am 3R-Prinzip. Es verpflichtet dazu, Tierversuche zu ersetzen, wo immer dies möglich ist, die Zahl der Tiere zu verringern und die Bedingungen für die Tiere fortlaufend zu verbessern.

Replace - Ersetzen

Wo immer möglich, ersetzen wir Tierversuche durch Alternativmethoden. In unserer Arbeitsgruppe nutzen wir komplexe Zellkulturmodelle, in denen Nervenzellen, Astrozyten, Mikroglia und weitere Zelltypen gemeinsam kultiviert werden. Solche Modelle ermöglichen es, Entzündungsreize, Virus-Mimetika oder pharmakologische Behandlungen unter kontrollierten Bedingungen zu untersuchen, ohne ein vollständiges Tier zu belasten.

Darüber hinaus bauen wir organoidbasierte Modelle auf. Diese "Mini-Gehirne" können zukünftig helfen, Entwicklungsprozesse, Zell-Zell-Kommunikation und individuelle Unterschiede noch besser nachzubilden. Langfristig sollen solche humanbasierten Modelle dazu beitragen, Tierversuche weiter zu ersetzen.

Reduce - Verringern

Wir planen unsere Studien so, dass mit möglichst wenigen Tieren aussagekräftige Ergebnisse erzielt werden. Dazu gehören eine sorgfältige statistische Planung, die Kombination mehrerer Auswertungen an denselben Proben und der Einsatz moderner Bildgebungs- und Analysemethoden.

Aus einem einzelnen Versuch können dadurch Informationen zu Verhalten, Synapsen, Zellaktivierung, Hirnregionen und molekularen Veränderungen gewonnen werden. So lässt sich die Zahl der benötigten Tiere reduzieren, ohne die wissenschaftliche Qualität zu gefährden.

Refine - Verbessern

Wir verbessern unsere Methoden kontinuierlich, um Belastungen für Tiere so gering wie möglich zu halten. Dazu gehören schonende Haltungsbedingungen, Gruppenhaltung, Beschäftigungsmaterial, Rückzugsmöglichkeiten, tierärztliche Betreuung, Narkose und Schmerztherapie bei notwendigen Eingriffen sowie klar definierte Abbruchkriterien.

Refinement bedeutet für uns auch, Experimente kritisch weiterzuentwickeln: Welche Methode ist am wenigsten belastend? Welche Messung liefert den höchsten Erkenntnisgewinn? Welche Verfahren können durch Zellkulturmodelle vorbereitet werden, bevor ein Tierversuch notwendig wird?

Universitätsplatz der TU Braunschweig mit Audimax, Okerhochhaus und Altgebäude

Kontakt

Bei Fragen zu den Inhalten dieser Website, zu Forschung mit Tieren an der TU Braunschweig oder zum Tierschutz können Sie sich an die zuständige Kontaktadresse wenden:

Prof. Dr. Martin Korte
Telefon: +49 531 3913220

 

Die TU Braunschweig unterstützt eine offene und transparente Kommunikation über Forschung mit Tieren und gehört zur Initiative Transparente Tierversuche.