MT IEX | DAS DORF ALS WEINGUT

[Arch Aktuelles]

zwischen Landschaft, Produktion und Tourismus

„Es ist ein erstaunlicher Anblick: Berge, die nicht nur abschüssig, sondern so steil sind, dass selbst die Vögel beim Überfliegen ermüden; felsig, ohne Feuchtigkeit zu halten, bedeckt mit so mageren und dünnen Reben, dass sie eher dem Efeu als dem Wein gleichen. Und doch wird hier der Wein gewonnen, mit dem die Tafeln der Könige gedeckt werden.“ - Giacomo Bracelli, Descripto Orae Ligusticae, 1448

Was Giacomo Bracelli im 15. Jahrhundert als unwirtliche, durch menschliche Arbeit kultivierte Landschaft beschreibt, ist bis heute prägend für die Cinque Terre: eine vom Menschen geformte Kulturlandschaft, deren außergewöhnlicher Wert 1997 durch die Aufnahme in das UNESCO-Welterbe anerkannt wurde. Innerhalb dieser Kulturlandschaft liegt der kleine, heute weitgehend unbewohnte Weiler Monesteroli im Gebiet der Gemeinde La Spezia. Er ist ausschließlich zu Fuß über eine historische Steintreppe mit mehr als 1.200 Stufen erreichbar. Heute ist Monesteroli vor allem ein touristisches Ziel für Besucher und Wanderer, insbesondere während der Sommermonate.

Historisch entsprang Monesteroli einem komplexen landwirtschaftlichen Produktionssystem, das sich aus Weinbergen, Terrassen, Wegen, Kellern und Siedlung zusammensetzte. Die extrem steilen Hänge der Cinque Terre wurden über Jahrhunderte durch Terrassen und Trockenmauern kultivierbar gemacht. Der Weinbau prägte dabei nicht nur das Landschaftsbild, sondern auch die soziale, kulturelle und wirtschaftliche Struktur der ansässigen Bevölkerung und war integraler Teil dieses räumlichen Zusammenhangs. Die heute noch erhaltenen Keller im Weiler dienten der Weinbereitung, die Treppe als Teil der Produktionsinfrastruktur als Verbindung zwischen Weinberg, Siedlung und Meer. Mit dem Rückgang der Landwirtschaft zerfiel dieses System zunehmend: Weinberge wurden aufgegeben, Terrassen verfielen, das Dorf starb aus und die historischen Keller verloren ihre ursprüngliche Funktion. Die Landschaft, die einst durch landwirtschaftliche Arbeit hervorgebracht und erhalten wurde, ist heute vor allem Gegenstand touristischer Betrachtung und Nutzung. Was passiert also mit einem Ort, wenn die Arbeit verschwindet, die ihn überhaupt erst hervorgebracht hat?

Erste Initiativen zur Wiederaufnahme des Weinbaus sind bereits angestoßen: 2024 konnten im Gebiet von Monesteroli rund 5.000 m² aufgegebener Flächen für die Reaktivierung gesichert werden. Da der Tourismus heute zu der veränderten Realität des Ortes gehört, stellt sich damit die Frage nach seiner Einbindung in einen neuen Produktions- und Lebenszusammenhang, ohne die Landwirtschaft erneut zu verdrängen. Das Prinzip des Agriturismo bietet hierfür einen möglichen Ansatz – nicht als Erweiterung eines bestehenden Weinguts um touristische Nutzung, sondern als Verbindung von landwirtschaftlicher Produktion, Wohnen und temporärem Aufenthalt. Kann eine kleinmaßstäbliche, ortsgebundene Weinproduktion in Verbindung mit Agriturismo dazu beitragen, Monesteroli wieder zu einem produktiven Lebensort zu machen, ohne den Ort durch seine touristische Verwertung erneut zu verlieren?

Prüfende
Fabian Onneken, Vertretungsprofessor + N.N.
[Betreuende]
Sulafa Isa + Christian Jensen
Bearbeitungszeitraum
14.10.2026 - 22.03.2027
Ausgabe
14.10.2026, 10.00, IEX
Entwurfsexkursion
13.11.2026 - 15.11.2026, Cinque Terre
Zwischenkritiken [vsl.]
18.11.2026 + 16.12.2026 + 03.02.2027
Abgabe digital
03.03.2027
Abschlusspräsentationen
22.03.2027 - 25.03.2027

TITEL ENG
THE VILLAGE AS A WINERY
between landscape, production, and tourism