Sirach-Synopse

Das Projekt: Sirach-Synopse

Der jüdische Weisheitslehrer Jesus Sirach (Ben Sira) verfasste um 200 v. Chr. ein Buch in hebräischer Sprache, dessen griechische Übersetzung in die Septuaginta, die griechische Bibel des Judentums, aufgenommen wurde. Im deutschen Sprachraum zählt es als „Buch Jesus Sirach“ zu den Apokryphen bzw. deuterokanonischen Schriften des Alten Testaments.

Der hebräische Text des Sirach-Buches liegt nur fragmentarisch in acht Handschriften vor. Die fehlenden Teile werden durch die antiken Übersetzungen (ins Griechische, Syrische und Lateinische) ergänzt. Wie die hebräischen Handschriften untereinander weichen auch die antiken Übersetzungen in erheblichem Maße voneinander und vom hebräischen Text ab. Für die wissenschaftliche Arbeit mit dem Sirach-Buch bedarf es daher einer Textausgabe, die alle antiken Versionen berücksichtigt und deren Vergleich ermöglicht.

Das Anfang 2011 von Fachwissenschaftlern mehrerer Universitäten ins Leben gerufene Sirach-Projekt will erstmals die Texte aller vier antiken Versionen des Buches Vers für Vers synoptisch darstellen und, ebenfalls in synoptischer Form, ins Deutsche übertragen. Damit wird eine lange entbehrte Grundlage für die Erforschung des Sirach-Buches geschaffen, wie sie u.a. an der TU Braunschweig betrieben wird (s.u.).

Projekt-Team

Verantwortliche

  • Prof. Dr. Wolfgang Kraus (Saarbrücken)
  • Prof. Dr. Heinz-Josef Fabry (Bonn)
  • Prof. Dr. Burkard M. Zapff (Eichstätt)

Mitwirkende

  • Dr. Bonifatia Gesche (Saarbrücken/Mariendonk)
  • Dr. Christian Hild (Saarbrücken)
  • Akad. Rat Dr. Gerhard Karner (Erlangen)
  • Prof. Dr. Christoph Kugelmeier (Saarbrücken)
  • Christian Lustig (Saarbrücken)
  • Dr. Gabriel Rabo (Eichstätt/Salzburg)
  • PD Dr. Frank Ueberschaer (Zürich)
  • Prof. Dr. Jürgen Wehnert (Braunschweig) 

Das Sirach-Synopse Projekt hat einen eigenen Internetauftritt, dem sie weitere Informationen zum Projekt entnehmen können.

Ein Muster-Vers aus der Synopse (Sir 37,2) findet sich hier.

Über das Sirach-Buch

Mit seinen 51 Kapiteln bildet das Buch Jesus Sirach das umfangreichste Weisheitsbuch der frühjüdischen Weisheitsliteratur. Zu dieser Literatur gehören neben dem Sirach-Buch vor allem das Buch der Sprüche, die Bücher Hiob und Kohelet sowie die sog. Weisheit Salomos.

Über die Bedeutung des Sirach-Buches wurde seit der Antike kontrovers geurteilt: Während einige jüdische und christliche Gelehrte (z.B. Origenes) es wie eine heilige Schrift zitieren, zählt z.B. Rabbi Aqiba (gest. 135 n.Chr.) all jene, die das Buch lesen, zu denen, „die nicht an der kommenden Welt teilhaben“. Diesem Urteil folgend, nahm die Synode von Jamnia (zwischen 70 und 132 n. Chr.) das Sirach-Buch nicht in den Kanon der Hebräischen Bibel auf. Als Folge seines Ausschlusses aus der Hebräischen Bibel wurde der hebräische Text des Sirach-Buches nur unsorgfältig weitergegeben, bis er im späten Mittelalter ganz verlorenging. Von seiner Existenz wusste man lange nur durch Zitate in der rabbinischen Literatur und bei den Kirchenvätern. Erst seit 1896 fand man hebräische Fragmente des Sirach-Buches in der Geniza (Abstellraum für ausgediente Schriften) in der Alt-Kairoer Karäer-Synagoge, seit 1947 auch in Qumran und 1964 in den Ruinen der Festung Massada. Die fragmentarischen Textfunde aus Kairo beschäftigen die Forschung noch immer, u.a. um die komplizierte Textgeschichte des Sirach-Buches zu rekonstruieren.

Über das Sirach-Buch unterrichten u.a. folgende Monographien aus dem Mitarbeiterkreis:

  • Ueberschaer, Frank: Weisheit aus der Begegnung. Bildung nach dem Buch Ben Sira (Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft 379). Berlin/New York (de Gruyter) 2007.
  • Zapff, Burkard M.: Jesus Sirach 25-51 (Neue Echter Bibel AT 39). Würzburg (Echter Verlag) 2010.

Eine deutsche Übersetzung des griechischen Sirach-Buches liegt vor in der Ausgabe:

  • Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Übersetzung. Hg. von Wolfgang Kraus u.a. 2., verb. Aufl. Stuttgart (Deutsche Bibelgesellschaft) 2010.

Das Sirach-Buch und die Konzepte antiker weisheitlicher Lehre

Ein an die polyglotte Sirach-Synopse eng angebundenes Projekt stellt das Braunschweiger Dissertationsprojekt von Katja Tesch (M.Ed.) dar, in welchem sie die rekonstruierten Original-Texte auf ihre didaktische Funktion hin analysiert: Welche der im Sirach-Buch überlieferten Sprüche könnte Ben Sira in seinem antiken Weisheitsunterricht eingesetzt haben? Welche Rolle spielten sie bei seiner Unterrichtsgestaltung? An wen waren sie gerichtet, d.h. wer waren die Adressaten Ben Siras? Welche Relevanz hatte sein Unterricht in antiker Zeit? Diese Fragen wurden in der Sirach-Forschung bisher ohne Differenzierung der verschiedenen Textversionen untersucht, obwohl die erheblichen Differenzen zwischen ihnen auch damit in Zusammenhang stehen dürften, dass die hebräische, aus Jerusalem stammende Fassung des Sirach-Buches der griechisch-jüdischen Kultur Ägyptens bzw. christlichen Kultur Syriens und folglich den dortigen Lehr- und Lernkulturen angepasst wurde. Somit ist davon auszugehen, dass die verschiedenen Texttraditionen nicht gleichermaßen Aufschluss über die pädagogische Praxis des historischen Lehrers Ben Sira geben. – Einen ersten Überblick über die bisherige Erforschung der Lehr-Lern-Prozesse, die das ursprüngliche Sirach-Buch widerspiegelt, gibt:

  • Tesch, Katja: Wer lernt wo und wie? Zur Problematik einer Bestimmung von Lernenden, Lernort und Lehrmethode des frühjüdischen Weisheitslehrers Jesus Sirach. In: Göbel, Janina/Zech, Tanja (Hg.): Exportschlager – Kultureller Austausch, wirtschaftliche Beziehungen und transnationale Entwicklungen in der antiken Welt. Humboldts Studentische Konferenz der Altertumswissenschaften 2009 (Quellen und Forschungen zur Antiken Welt 57). München (Herbert-Utz-Verlag) 2011, 197-210.

Das vorgestellte Dissertationsprojekt setzt sich im Anschluss an die Analyse der antiken Unterrichtspraxis Ben Siras ferner damit auseinander, ob die Lehr-Lern-Prozesse Ben Siras Anknüpfungspunkte für heutigen Religionsunterricht bieten.

  • Tesch, Katja: Weisheitsunterricht bei Ben Sira. Lehrkonzepte im Sirachbuch und ihre Relevanz für heutiges Lernen im Religionsunterricht (Bonner Biblische Beiträge 169). Dissertation TU Braunschweig 2012. Göttingen (V&R unipress) 2013.