TU BRAUNSCHWEIG

Rail Human Factors am IfEV

Das System Bahn hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. getrieben durch die Möglichkeiten neuer Technologien wurden viele Prozesse automatisiert. Dabei war es oft das Ziel, den Bediener zu ersetzen oder ihn von aktiven Aufgaben zu entbinden und ihm nur noch passive Überwachungsaufgaben zu geben. Die Motivation dahinter war, dass der Mensch als die wesentliche Fehlerquelle im System angesehen wurde, die es zu ersetzen galt.

Erst in den letzten Jahren änderte sich die Einstellung. Zunehmend wird erkannt, dass bei sinnvoller und ergonomischer Systemgestaltung der Mensch einen wesentlichen und bedeutenden Beitrag zur Sicherheit im Bahnsystem leistet, welcher nicht ohne weiteres durch Technik übernommen werden kann. Daraus hat sich ein neues Forschungsgebiet entwickelt, die Rail Human Factors. Dieses Gebiet untersucht, wie Arbeitsplätze und Prozesse so gestaltet werden können, dass der Mensch in seinen Tätigkeiten optimal unterstützt wird und so insgesamt die Fehlerwahrscheinlichkeit sinkt. Ein Beispiel für mögliche Forschungsaufgaben ist im Folgenden skizziert. Aber auch z.B. bzgl. der Streckenkenntnis des Triebfahrzeugführers, der Gestaltung von Bahnübergängen, der sinnvollen Signalplazierung oder dem Regelwerk besteht Handlungs- und Forschungsbedarf.

Beispiel Stellwerk:

Ein flüchtiger Blick auf die Bildschirme der heutigen ESTW zeigt, dass hier Nachholbedarf besteht. Die farbliche Gestaltung und die Symbolwelten der Lupenbilder und Bereichsübersichten erinnern an Monitorbilder der 1980er Jahre. In der Tat hat sich seitdem an den Bedienoberflächen kaum etwas verändert. Der größte Umbruch war noch die Zulassung der Mausbedienung gegen Ende der 1990er Jahre.

 Durch die geplante und in einigen Bauformen bereits realisierte Abkehr vom überholten Konzept der sicheren Meldebildanzeige entfällt künftig die Notwendigkeit, freie Gleise ständig aktiv auszuleuchten. Überfällig ist auch eine Integration der Bedienoberfläche des Stellwerks mit Fahrplananzeigen und Kommunikationssystemen. Diese im Prozess eng verbundenen Systeme werden dem Fahrdienstleiter noch immer auf teilweise völlig getrennten Bedienoberflächen angeboten, was zu unergonomischen Arbeitsabläufen führt.

Die Gestaltung der Bedienoberfläche hat auch Einfluss auf das Situationsbewusstsein. Praktiker werden bestätigen, dass fahrdienstliche Fehlhandlungen in Betriebszentralen immer weniger durch mangelnde Kenntnis des Regelwerks, sondern viel eher durch Fehleinschätzung von Betriebssituationen, z. B. Verwechseln oder Übersehen von Fahrwegelementen und Zügen, verursacht werden. Bisherige Forschungen zum Situationsbewusstsein konzentrieren sich auf die Tätigkeit von Fahrzeugführern, aber kaum auf Mitarbeiter in Leitzentralen. In modernen Stellwerken bestehen durch das simultane Verfolgen paralleler Prozesse bei zunehmender Automatisierung des Regelbetriebes sehr spezielle Anforderungen, deren Einfluss auf das Situationsbewusstsein noch nicht hinreichend erforscht ist.

Das IfEV ist Mitausrichter der Workshop-Serie Rail Human Factors.


  aktualisiert am 08.04.2016
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