TU BRAUNSCHWEIG

Die Systematische Orthographie des Deutschen

DFG-gefördertes Projekt (Sachbeihilfe; Laufzeit 1.4.2011-31.3.2014; abgeschlossen)

Trotz der offenkundigen Relevanz der Orthographie im gesellschaftlichen Leben einer literalen Kultur hat es von Seiten der Linguistik in der Vergangenheit relativ wenige Bemühungen gegeben, formale Theorien zur Orthographie zu entwickeln, die ihrerseits als Grundlage für Konzepte des Orthographieerwerbs oder für eine Orthographiereform dienen könnten. Diejenigen Theorien, die für alphabetische Schriftsysteme vorgeschlagen wurden, gehen bei der Modellierung lautbezogener Aspekte durchweg von einer unmittelbaren Abbildung des Lautsystems einer Sprache auf ihre Orthographie aus. In der Studie ‚Die Graphematik des Deutschen‘ (Neef 2005) wurde ein grundsätzlich andersartiges theoretisches Modell konzipiert, gemäß dem ein entwickeltes Schriftsystem zumindest zwei distinkte Komponenten enthält, nämlich eine ‚Graphematik‘ und eine ‚Systematische Orthographie‘. Während die Graphematik des Deutschen im besagten Text detailliert analysiert wurde, lagen zu Projektbeginn zur Systematischen Orthographie des Deutschen erst wenige Vorarbeiten vor.

Im DFG-geförderten Projekt ‚Die Systematische Orthographie des Deutschen‘ wurden zunächst schwerpunktmäßig die Beziehungen der Systematischen Orthographie zur lautlichen Seite des Sprachsystems untersucht. Ausgangspunkt der Modellierung ist dabei die Überzeugung, dass für Wörter je nach ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Ebene des Wortschatzes bestimmte Schreibungsmöglichkeiten ausgeschlossen sind. Ein Wort mit der Lautung [baf] kann beispielsweise <baff> geschrieben werden, wenn es ein heimisches Wort ist, zusätzlich auch <baph>, wenn es ein Fremdwort ist, zusätzlich auch <baffh>, wenn es ein Eigenname ist, und zusätzlich auch <bafffff>, wenn es eine Interjektion ist. Damit sind vier Wortschatzebenen angesprochen, für die mittels eines Systems von Beschränkungen Vorgaben erfasst werden, wie Wörter dieser Ebenen geschrieben werden können. Grundlage hierfür ist eine wohldefinierte Menge möglicher Schreibungen, die allesamt die Eigenschaft haben, dass sie in regelhafter Weise als die intendierte Lautung gelesen (bzw. ‚rekodiert‘) werden können. Mit dieser Methode wurden eingehend die Verschriftlichungsmöglichkeiten des Phons [f] untersucht (Balestra, Appelt & Neef 2014) sowie die der a-Laute (Appelt, Balestra & Neef 2015).

Weiterhin wurden die Beziehungen der Systematischen Orthographie zur morphologischen Komponente des Sprachsystems untersucht. Im Mittelpunkt stand hierbei die Frage, wie die Konstanzschreibung von Wurzeln erfasst werden kann. In der einschlägigen Literatur wird hierzu oft konstatiert, dass Wurzeln ‚möglichst‘ konstant zu schreiben seien, ohne dass die Grenzen der möglichen Konstantschreibung aber exakt bestimmt werden konnten. Dies ist im Rahmen der Systematischen Orthographie möglich, indem die Schnittmenge der möglichen Schreibungen aller Wörter des Flexionsparadigmas eines Lexems betrachtet wird. Ist die Schnittmenge leer, gibt es keine konstante Schreibungsoption für die Wurzel. In diesem Fall wie in dem entgegengesetzten, wenn die Schnittmenge mehr als ein Element enthält, sind Prinzipien zu ermitteln, wie die tatsächliche Schreibung von Wurzeln festgelegt wird. Ergebnisse dieser Überlegungen werden in Appelt (in Vorb.) präsentiert.

 

Mitglieder der Arbeitsgruppe am Institut für Germanistik

Miriam Balestra M.ed. (Mitarbeiterin im DFG-Projekt (1. Projektphase))

Annalen Appelt M.ed. (Mitarbeiterin im DFG-Projekt (Verlängerungszeitraum))

Prof. Dr. Martin Neef (Leitung)

Dr. Susanne Borgwaldt (bis 31.10.2012)

Dr. Iris Forster

Publikationen und Manuskripte zur Systematischen Orthographie

Appelt, Annalen (in Vorb.): Die Konstanzschreibung in der Systematischen Orthographie des Deutschen. Dissertation, TU Braunschweig.

Appelt, Annalen, Miriam Balestra & Martin Neef (2015): Orthographic constraints on the spelling of German a-sounds. Written Language and Literacy 18.1: 153-174.

Balestra, Miriam, Annalen Appelt & Martin Neef (2014). Systematische Beschränkungen für den orthographischen Wortschatz des Deutschen: der Konsonant [f]. Zeitschrift für Sprachwissenschaft 33.2: 129-163.

Forster, Iris, Susanne Borgwaldt & Martin Neef (2012). Form follows function: interjections and onomatopoetica in comics. Writing Systems Research 4: 122-139.

Neef, Martin (2005): Die Graphematik des Deutschen. Tübingen: Niemeyer (= Linguistische Arbeiten 500).

Neef, Martin (2008): Worttrennung am Zeilenende: Überlegungen zur Bewertung und Analyse von orthographischen Daten. Zeitschrift für Germanistische Linguistik 35.3: 283-314.

Neef, Martin (2010): Die Schreibung nicht-nativer Einheiten in einer Schriftsystemtheorie mit einem mehrschichtigen Wortschatzmodell. In: Anke Holler & Carmen Scherer (Hgg.): Strategien der Integration und Isolation nicht-nativer Einheiten und Strukturen. Berlin: de Gruyter (= Linguistische Arbeiten 532), 11-29.

Neef, Martin (2012a): Graphematische Spielräume und das System der Orthographie. In: Christa Dürscheid (Hrsg.): Orthographische und grammatische Spielräume. Der Deutschunterricht 1/12: 7-15.

Neef, Martin (2012b): Translation in the context of theoretical writing system research. In: Michel Fayol, Dennis Alamargot & Virginia Berninger (eds.). Translation of thought to written text while composing: Advancing theory, knowledge, methods, and applications (Chapter 14). Psychology Press/Taylor Francis Group/Routledge, 359-374.

Neef, Martin (2012c): Graphematics as part of a modular theory of phonographic writing systems. Writing Systems Research 4: 214-228.

Neef, Martin (2012d): Boundaries in written representations: the potential beginning of words in German. In: Terry Joyce & David Roberts (eds.): Units of language – units of writing. Special issue of Written Language and Literacy 15.2: 209-225.

Neef, Martin (2013): Das Konzept des morphologischen Prinzips und seine Rolle in einer modularen Schriftsystemtheorie. In: Martin Neef & Carmen Scherer (Hgg.): Die Schnittstelle von Morphologie und geschriebener Sprache. Berlin: de Gruyter (= Linguistische Arbeiten 551), 9-36.

Neef, Martin & Miriam Balestra (2011): Measuring graphematic transparency: German and Italian compared. Written Language and Literacy 14.1: 109-142.

 


  aktualisiert am 24.01.2015
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