TU BRAUNSCHWEIG

Abendvortrag von Prof. Dr. Fidel Rädle

Hrotsvit von Gandersheim
Von der poetischen Verwandlung einer unheiligen Welt


Mittwoch, 16. März 2016,
um 19.00 Uhr
im Kaisersaal in Bad Gandersheim

 

Lokaler Bezug

Bad Gandersheim ist bekannt als Roswitha-Stadt, wo die erste deutsche Dramatikerin, Hrotsvit von Gandersheim, lebte. Mit ihren Stücken wollte Hrotsvit im 10. Jahrhundert eine christliche Alternative zu den antiken Komödien des Terenz bieten, indem sie Glauben und Keuschheit statt Erotik und Laster thematisierte. Ihre Entscheidung, Ereignisse der christlichen Heilsgeschichte zu dramatisieren, machte im späten Mittelalter Schule: Zahlreiche geistlichen Spiele wurden in Kirchen und auf Marktplätzen öffentlich aufgeführt. Die Tagung ‚Ambivalenzen des geistlichen Spiels‘ kehrt also zum Ursprungsort des mittelalterlichen Dramas zurück und findet zudem in einem Jubiläumsjahr statt: Genau vor 515 Jahren wurden Hrotsvits Werke von dem deutschen Humanisten Konrad Celtis wiederentdeckt und erstmals herausgegeben.

 

Öffentliche Ausrichtung

Der öffentliche Abendvor­trag richtet sich in gleicher Weise an die wissen­schaftlichen Teilnehmerinnen und Teilnehmer, an interessierte Bürgerinnen und Bürger sowie an Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe. Die Stadt Bad Gandersheim stellt zu diesem Zweck ihren Kaisersaal zur Verfügung, der sich im Zentrum direkt neben der Stiftskirche befindet und über hundert Besuchern Platz bietet. Es spricht der emeritierte Professor für Mittellateinische Philologie der Universität Göttingen, Prof. Dr. Fidel Rädle, der sich intensiv mit Hrotsvits Werken beschäftigt und über sie publiziert hat.

Der Eintritt ist kostenlos.

 

Inhaltliche Beschreibung

Der Vortrag bezieht sich auf das  Gesamtwerk Hrotsvits, nicht in erster Linie auf ihre Dramen. Untersucht wird, auf der Basis der zahlreichen Eigenbekundungen zum Fabrikationsprozess der einzelnen Werke, das Selbstverständnis der Autorin, womit grundsätzliche Fragen nach dem Verhältnis von Topos und poetischem Verantwortungsbewusstsein (oder auch poetischem „Stehvermögen“) ins Spiel kommen. Besondere Aufmerksamkeit gilt der problematischen Adaptierung der christlich paradoxen, reziproken Martyriumsautomatik: „Irdisches Leiden und Sterben = Ewiger Triumph“ („gloria“ um jeden Preis und in jedem Fall) auf alle maßgeblichen Figuren in den Legenden und Dramen. Hrotsvit stellt sich hier heiter in die Nachfolge des gedankenschweren, um sein Seelenheil besorgten ‚Konvertiten‘ Prudentius aus einer für das Christentum kritischen Zeit. Zum Abschluss wird gezeigt, wie Hrotsvit in ihren beiden historischen Epen („Gesta Ottonis“ und „Primordia coenobii Gandeshemensis“) ihr programmatisch nichttragisches Weltbild in der geschichtlichen Welt auf die Probe stellt.


(Fotos: Wiebke Ohlendorf)

Nähere Informationen zu Fidel Rädle finden Sie hier.


  aktualisiert am 22.03.2016
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