TU BRAUNSCHWEIG

Architektur und Konstruktion

In der Lehre werden Entwerfen und Konstruieren meist als separate Disziplinen gesehen. Eine Unterscheidung, die für die Wissensaneignung zu einem gewissen Grad zielführend erscheint. Jedoch muss nach unserer Auffassung im gebauten Projekt und damit schon im Entwurf die Synthese beider Disziplinen gelingen. Daher steht bei unserer Arbeit die Abhängigkeit von Konstruktion und Erscheinungsbild im Zentrum der Betrachtung. Denn jedes Denken über Architektur muss auch das Verhältnis zur Konstruktion thematisieren.

Dieser ganzheitliche Anspruch an Architektur, bei dem Entwerfen und Konstruieren als untrennbare Einheit verstanden werden, hat in der Braunschweiger Architekturausbildung eine Lange Tradition. Dieter Oesterlen thematisierte als Architekt und Lehrer der „Braunschweiger Schule“ in seiner Vorlesungsreihe „Das Detail im Gesamtentwurf“ die Bedeutung der Konstruktion. Er forderte „die Übereinstimmung der inneren mit der äußeren Erscheinung im Grundriß, Konstruktion, Aufriß und zwar vom großen bis ins kleinste“. Form und Konstruktion gelten als ein unauflösbares, sich gegenseitig bedingendes Begriffspaar. Für Friedrich Wilhelm Kraemer – wie Oesterlen langjähriger Entwurfslehrer in Braunschweig – bildete die Konstruktion nicht nur die Grundlage für den Entwurf: „Jede charakteristische Konstruktionsart ergibt auch ein charakteristisches, das typische Erscheinungsbild.“  Er sah die Synthese von Funktion, Konstruktion und der Form als Grundvoraussetzung für eine  Erhebung der Architektur zur Baukunst: „nur bei gleichwertiger Sorgfalt für Zweck und Konstruktion und Form (die wir als die drei Grundbezirke alles Gebauten erkannten) werden unserer Zeit Bauwerke gelingen, die den Vergleich mit den Zeugnissen der Vergangenheit bestehen können.“

In unserer Arbeit interessiert nicht Konstruktion an sich, sondern die Beziehung von konstruktiver Disposition und ästhetischer Wirksamkeit. Wir sind immer dann von konstruktiven Problemstellungen fasziniert, wenn wir daraus einen wesentlichen Teil des Ausdrucks eines Gebäudes zu gewinnen erhoffen. In der Lehre wird die Frage untersucht, wie weit sich die Gestaltqualität aus der richtigen Umsetzung der konstruktiven Gesetzmäßigkeiten ableiten lässt und wie groß der individuelle Entscheidungsspielraum ist, der neben den rein rationalen Kriterien den Formfindungsprozess beim Entwerfen und Konstruieren bestimmt. In unseren Vorlesungen werden die Prinzipien der unterschiedlichen Bauweisen, Bauteile und Bauelemente erläutert und anhand beispielhafter Bauten in ihrer Anwendung analysiert. Monografische Vorlesungen zu zeitgenössischen Architekten und ihren Bauten dienen der Einführung in den aktuellen Diskurs über konstruktive Konzepte im Umfeld der Entstehung spezifischer Entwurfsstrategien und Haltungen.
 
Das Verständnis der rationalen Grundlagen von Architektur legt den schöpferischen Spielraum des Architekten frei. Das konstruktive Detail wird zum kreativen Aktionsfeld des Architekten, es verkörpert die gestalterische Konsequenz eines Entwurfs. Wir meinen: Indem Beliebigkeit getilgt wird, kann architektonische Qualität entstehen.


  last changed 11.07.2013
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