Kapitellproduktion bei Giuliano da Sangallo

Die Architektursprache und das an sie gebundene Antikenverständnis des ausgehenden 15. Jahrhunderts entwickelte sich im Spannungsfeld zwischen theoretischer Auseinandersetzung, Bauaufnahme und eigener Entwurfsleistung. Besonders deutlich wird dieses Gemenge im Werk Giuliano da Sangallos. Das Projekt zielt auf eine Untersuchung jener komplexen Schaffensprozesse im Werk dieses Architekten ab.

Zum tieferen Verständnis des vielschichtigen Antikenbegriffs und seiner Beziehung zur gebauten Architektur jener Zeit bedarf es einer differenzierten Betrachtung der Architekturglieder im jeweiligen Einzelfall. Dabei gilt es zu beachten, dass die Entwicklung und die Ausführung eines Bauteils während des gesamten Entwurfsprozesses einer Vielzahl von Einflüssen unterlagen, die das abschließende Aussehen am Bau teilweise wesentlich bestimmten. Diese unterschiedlichen Einflüsse lassen sich mit den Methoden der archäologischen Bauforschung direkt oder indirekt an den einzelnen Elementen selbst nachvollziehen.

Im archäologischen Kontext werden einzelne Architekturglieder bereits seit langer Zeit sehr dezidiert betrachtet. Die Untersuchungen gehen dabei über die semantische Deutung der Formen des Dekors hinaus. Auch Arbeitsspuren, Versatzmarken, Werkzeugspuren, Steinformate etc. fließen in die Untersuchung von Bauteilen mit ein und erlauben Rückschlüsse etwa auf Bauprozesse und Werkstattorganisation. Dabei wurden in jüngerer Vergangenheit mit der Etablierung neuer Dokumentationsmethoden neue Forschungsfragen entwickelt.

Das Institut für Baugeschichte der TU Braunschweig folgt in seinen Projekten den Methoden der archäologischen Bauforschung und damit der ganzheitlichen Untersuchung eines jeden Bauteils. Im Projekt sollen die aktuellen – im archäologischen Kontext bereits etablierten – Untersuchungs- und Dokumentationsmethoden auf florentiner Kapitelle des ausgehenden 15. Jhs. und deren vermeintliche Vorbilder unter Einbeziehung mittelalterlicher Stücke übertragen werden. Dabei ist mit neuen Einblicken in die Arbeitsweise der Renaissancearchitekten bei der Gestaltung dieser Bauteile im Speziellen und der Organisation des Bauwesens im Allgemeinen zu rechnen.

Verantwortlich: Dr.-Ing. Julian Bauch

HOF VON SANTA MARIA MADDALENA DEI PAZZI IN FLORENZ
Ionische Kapitelle im Hof von Santa Maria Maddalena dei Pazzi
Bildnachweis: J. Bauch/TU Braunschweig
Der von Giuliano da Sangallo um 1491 entworfene Hof von Santa Maria Maddalena dei Pazzi

In einem Forschungsprojekt des Instituts für Baugeschichte wird der Prozess von der Entwicklung bis zur Umsetzung spezifischer Architekturdetails im Werk von Giuliano da Sangallo untersucht. Ein besonderes Interesse gilt dabei den von Sangallo für den Vorhof der Kirche Santa Maria Maddalena dei Pazzi im Borgo Pinti in Florenz um 1491 entworfenen  ionischen Kapitellen. Die Kapitelle bieten sich aufgrund ihres sehr eigentümlichen Gesamttypus für eine derartige Untersuchung an. Im Florentiner Umfeld finden sich mehrere Kapitelle die ebenfalls diesen auffälligen Typus widergeben und die Sangallo als direktes Vorbild gedient haben könnten.

Neben einem Kapitell in der Casa Buonarroti finden sich auch in der Krypta von San Romolo in Fiesole vier Kapitelle, die diesem Typus entsprechen. Im Zusammenhang mit der genauen Untersuchung der Einzelstücke am Bau der Hofanlage im Borgo Pinti lässt sich somit der gesamte Prozess vom (vermeintlich) antiken Vorbild über die Entwicklung einer entwurflichen zeitgenössischen Adaption bis zur baupraktischen Umsetzung des Entwurfes nachvollziehen. Das konkrete Ziel einer ersten Dokumentationskampagne bestand in einer detaillierten Erforschung der Kapitelle Sangallos und ihrer Vorbilder. Es galt Befunde auszumachen, die Hinweise auf die spezifischen Entwurfs- und Produktionsprozesse liefern. Neben der Analyse der allgemeinen Formen und Proportionen standen auch Werkzeugspuren und die jeweilige Oberflächenbearbeitung im Zentrum der Untersuchungen.

Foto des Kapitells S-2 in Fiesole
Bildnachweis: J. Bauch/TU Braunschweig
Kapitell S-1 in der Krypta von San Romolo, Fieso

Befunddokumentation

Ziel der Befunddokumentation war es Wekzeugspuren zu detektieren. Mit einem handgeführten 3D Scanner (Artec Space Spider) wurden mehrere Kapitelle erfasst.

Ein PDF-Dokument mit einem dreidimensionalen Modell zur Befunddokumentation eines Kapitells aus der Krypta von San Romolo in Fiesole finden Sie hier. Zur Ansicht des Modells im PDF benötigen Sie den Acrobat Reader. Speichern Sie zunächst das PDF lokal um es im Acrobat Reader zu öffnen. Klicken Sie dann im PDF in das Ansichtsfeld um das Modell und die dreidimensionale Navigation zu aktivieren.

Publikation

J. Bauch – G. Schulz-Lehnfeld, Digital Documentation of Construction Details in the Architecture of Michelangelo and Giuliano da Sangallo, SciresIT 2020/1, 93–102.  http://dx.doi.org/10.2423/i22394303v10n1p93