CSE | „Ich möchte eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen“

[Abu Aktuelles]

Vom CSE-Studenten zum Universitätsgründer

Im Jahr 2000 kam Christian Kouam als einer der ersten Studierenden des kurz zuvor neu gestarteten Studiengangs Computational Sciences in Engineering (CSE) an die Technische Universität Braunschweig. In seiner Heimat Kamerun hat er in diesem Jahr eine Hochschule gegründet und ist Botschafter eines Automobilherstellers. Mit Braunschweig und der TU ist er bis heute eng verbunden.

Als durch und durch interkulturell und interdisziplinär beschreibt sich Christian Kouam selbst. Der 48-Jährige ist in Kamerun geboren und wuchs in einem Elternhaus auf, das Internationalität als essentiellen Wert verstand. Schon Kouams Vater verbrachte einige Zeit seines Studiums in Spanien und Großbritannien. Das übertrug sich auf den Sohn, der nach dem Schulabschluss in Russland Fahrzeugtechnik studierte. Denn neben dem Interesse an anderen Kulturen faszinierte Kouam vor allem eins: das Auto. „Ich bin im gleichen Jahr wie der Volkswagen Golf geboren, das ist wohl ein Zeichen“, lacht Kouam. Während seines Studiums in Russland entstanden dann erste Kontakte nach Deutschland. Einige deutsche Studierende, die der Kameruner in Russland kennenlernte, luden ihn nach Berlin ein. Eine Einladung, die der junge Student natürlich nicht ausschlug, denn Deutschland übte einen besonderen Reiz auf ihn aus.

Der Start in Braunschweig

Durch einen Cousin, der in Braunschweig wohnte, verschlug es Kouam nach Abschluss seines Studiums in Russland Ende des Jahres 1999 in die Löwenstadt. In nur vier Monaten erwarb er Deutschkenntnisse auf C1-Niveau. Bei einer Führung über den Campus der TU Braunschweig im Februar des Folgejahres empfahl ihm Frank Fischer, der damalige Leiter des International Office, den Masterstudiengang Computational Sciences in Engineering, der im Wintersemester 1999/00 gestartet war. Kouams Entscheidung war schnell getroffen und er schrieb sich für den interdisziplinären Studiengang ein. Die Kombination aus Ingenieurwissenschaften, Mathematik und angewandter Informatik hatte ihn überzeugt. Die internationale Ausrichtung des bilingualen Studiengangs war ein weiterer Pluspunkt.

Im Rückblick ist Kouam überzeugt, die richtige Entscheidung getroffen zu haben: „Das Studium an der TU Braunschweig war eine tolle Zeit. Die Universität war mein Zuhause und ich hatte ein sehr enges Verhältnis mit den Professor*innen, die sich viel Zeit für uns Studierende genommen haben“, erinnert er sich. Auch abseits des Studiums kam Kouam schnell in Braunschweig an – vor allem durch sein Engagement in verschiedenen studentischen Vereinigungen wie dem Kamerunischen Studentenverein, dem er lange Zeit auch als Präsident vorstand. „Ich habe mich von Anfang an integriert gefühlt und habe Braunschweig als sehr offene und internationale Stadt wahrgenommen“, bekräftigt Kouam.

Ein besonderes Weihnachten

Auch in der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG) und im Katholischen Hochschulzentrum (KHG) Braunschweig fand der CSE-Student schnell Anschluss und erlebte ein Weihnachtsfest, das sein weiteres Leben maßgeblich beeinflusste: Auf Initiative der KHG luden Braunschweiger Familien internationale Studierende ein, das Weihnachtsfest in ihrem Kreis zu verbringen. Christian Kouam probierte dabei nicht nur zum ersten Mal in seinem Leben einen Rehrücken mit Kroketten und lernte das deutsche Wort „lecker“ kennen, sondern schloss einen Kontakt fürs Leben: Mit seiner Gastfamilie ist Kouam noch heute eng verbunden. Durch Familienvater Hans-Hermann von Lucke entstand zudem der erste Kontakt zum Automobilhersteller Volkswagen. Nach Abschluss seines Masters begann Kouam ein Praktikum beim Wolfsburger Unternehmen und nahm anschließend dort eine Stelle als Konstrukteur an – der erste Schritt auf seiner beruflichen Karriereleiter. „Hans-Hermann von Lucke hat mich als Mentor immer unterstützt und gesagt: Du hast viel mehr drauf, du musst ins Management! Das hat mich motiviert“, erzählt Kouam.

Über Stationen in der Beschaffung und im Vertrieb und Auslandsaufenthalte in Russland und China erarbeitete sich der CSE-Absolvent eine Karriere beim Automobilhersteller. Parallel promovierte er an der TU Clausthal im Bereich Unternehmensführung. Für eine Professur an der Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften ließ Kouam seinen Arbeitsvertrag in der Wirtschaft ruhen und ging für mehrere Jahre in die Hochschullehre. Eine Erfahrung, die ihn maßgeblich prägte und auch die Idee verstärkte, in Kamerun junge Menschen auszubilden. Bereits neben seiner Arbeit in Deutschland hatte Christian Kouam in seiner Heimat Kamerun eine Autowerkstatt aufgebaut, in der er jungen Menschen die Möglichkeit bot, eine Ausbildung im Bereich Fahrzeugmechanik zu absolvieren. Seine Zeit als Professor an der Ostfalia nutzte er, um den ersten Bachelorstudiengang zum Thema Kraftfahrzeugtechnik in Subsahara-Afrika ins Leben zu rufen.

Kooperation zwischen Kameruner Hochschule und CSE geplant

„Für mich stand immer fest, dass ich irgendwann wieder zurück nach Kamerun möchte. Ich hatte nie den Plan, das Land dauerhaft zu verlassen“, erklärt Kouam, der heute sechs Sprachen fließend spricht. „Deshalb hat es mich besonders gefreut, dass ich 2021 offizieller Importeur von Volkswagen in Kamerun geworden bin und nun dort als Botschafter sprechen darf.“

Ein bis zwei Monate pro Jahr verbringt Kouam in Deutschland; den Großteil des Jahres ist er nun aber wieder in seiner Heimat Kamerun und setzt dort gleich das nächste Projekt um: Die Idee, eine eigene Hochschule zu gründen, schwirrte ihm schon lange im Kopf herum. „Ich möchte internationales Niveau in der Ausbildung nach Kamerun bringen und eine Brücke zwischen den Kulturen schlagen. Deshalb habe ich die private Hochschule mit dem Namen ASTA (Advanced Sciences and Technologies Academy) gegründet, deren Kurse im September dieses Jahres beginnen.“ Die Lehre in Kouams Hochschule findet auf Englisch statt, aber es werden auch Deutschkurse angeboten. Geplant ist zudem eine Kooperation mit dem Studiengang CSE, mit dem Kouam seit seiner Studienzeit über das Alumninetzwerk in engem Kontakt geblieben ist.

Auch in diesem Jahr besuchte er das Sommerfest in Braunschweig und tauschte sich mit Studierenden und Professor*innen aus. Professor Dirk Langemann lehrt im Studiengang CSE und freut sich über die große Verbundenheit vieler Alumni: „Unsere Absolvent*innen stehen in engem Kontakt zu unseren Studierenden, helfen beim Studienstart in Braunschweig und geben ihre Erfahrungen an jüngere CSE-Studierende weiter. Durch die Treffen, die das CSE-Office in jedem Semester organisiert, entsteht ein wichtiger persönlicher Austausch.“

Ein „Letter of Intent“ zur Zusammenarbeit zwischen dem CSE und der Hochschule ASTA in Douala – Yassa soll noch im Herbst unterzeichnet werden. Auch Langemann selbst wird dann Online-Vorlesungen für die Kameruner Studierenden anbieten. Aus seiner Sicht zeigt der Lebenslauf von Christian Kouam, wie wichtig eine internationale Ausrichtung für die TU Braunschweig ist: „Mit seinem Master-Studium im damals sehr jungen Studiengang CSE hat Christian Kouam Theorie und Praxis in Computer-Simulationen von ingenieurwissenschaftlichen Fragestellungen verbunden, aber auch eine Brücke aus Kamerun nach Europa geschlagen. Die Chancen aus diesen Verbindungen hat er mit seinem internationalen Werdegang optimal genutzt. Die Gründung einer Hochschule in Kamerun, unter deren Absolvent*innen zukünftige CSE-Studierende sein werden, ist eine Weiterentwicklung der Brücken aus dem CSE-Studium, eine Verbindung zwischen den Ländern und zwischen Theorie und Anwendungen“, hebt Langemann hervor.

Meldung von Sarah Henrike Hoy aus dem MAGAZIN der TU Braunschweig